Mit Spinoza Durch Die Krise: Der Philosoph Kann Helfen, Manch İrrationales Verhalten Zu Verstehen, Feuilleton, Nachrichten

Mit Spinoza Durch Die Krise: Der Philosoph Kann Helfen, Manch İrrationales Verhalten Zu Verstehen

Coronavirus: Spinoza kann helfen, Irrationales zu verstehen

Der Mensch verfügt über ein begrenztes Wissen, schwierige Zeiten machen das besonders deutlich. Der Unsicherheit begegnet er zuweilen auf unsinnige Weise – das beobachtete schon Baruch de Spinoza.

29.03.2020 19:02:00

Der Mensch verfügt über ein begrenztes Wissen, schwierige Zeiten machen das besonders deutlich. Der Unsicherheit begegnet er zuweilen auf unsinnige Weise – das beobachtete schon Baruch de Spinoza.

Der Mensch verfügt über ein begrenztes Wissen, schwierige Zeiten machen das besonders deutlich. Der Unsicherheit begegnet er zuweilen auf unsinnige Weise – das beobachtete schon Baruch de Spinoza.

TeilenIn Krisenzeiten nimmt die Unsicherheit zu – und mit ihr auch die menschliche Neigung, «alles Beliebige» zu glauben, so Spinoza.  Charlie Riedel / APZu den Vorräten, die ich mir für harte Zeiten angelegt habe, gehört eine stattliche Bibliothek. Darin finden sich vorzugsweise Klassiker, die, anders als die im Keller lagernden Spaghettipackungen, kein Verfallsdatum tragen. Das gilt insbesondere für solche Texte, die seinerzeit als Antwort auf akute Krisen verfasst wurden.

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Zu diesen gehört der «Theologisch-politische Traktat» (TTP), den Baruch de Spinoza 1670 anonym publiziert hat. Es war eine Zeit der Kriege, der Krise und der grassierenden Unvernunft. In der noch jungen – und wie sich kurz darauf auch gezeigt hat: fragilen – Republik der Vereinigten Provinzen der Niederlande waren konfessionelle Konflikte und politische Kämpfe um die Vorherrschaft im Staat an der Tagesordnung.

In dieser Situation nimmt Spinoza eine Analyse der menschlichen Natur vor, die es in sich hat. Ausgangspunkt bildet die Beobachtung, dass Menschen auf Situationen der Unsicherheit besonders irrational reagieren. «Wenn die Menschen alle ihre Angelegenheiten nach bestimmtem Plan zu führen imstande wären oder wenn das Glück sich ihnen jederzeit günstig erwiese, so stünden sie nicht im Bann des Aberglaubens», lautet der erste Satz des Theologisch-politischen Traktats.

Was Spinoza hier sagt, ist lapidar, aber von enormer Tragweite: Es ist den Menschen nicht gegeben, ihr Leben immer nach einem bestimmten, sicheren Plan zu führen. Denn unser Wissen ist begrenzt. Das allerdings nicht etwa deshalb, weil unser Verstand zu schwach wäre, sondern weil wir die Gesetzmässigkeiten, denen viele Dinge unterliegen, noch nicht alle erkannt haben.

Das ist nach Spinoza ein Grundzug der menschlichen Existenz: Wir befinden uns als Menschen grundsätzlich immer wieder in Situationen der unhintergehbaren epistemischen Unsicherheit, was sich allerdings vor allem dann bemerkbar macht, wenn eine gänzlich neue Situation eintritt. Dann fahren wir bestenfalls «auf Sicht».

Streben nach GlücksgüternDie gegenwärtige Situation ist von dieser Art. Wir wissen – noch – sehr wenig darüber, wie unser Leben in ein paar Wochen oder Monaten aussehen wird, und können kaum mehr vernünftig planen. Wir wissen nicht, wie lange es dauern wird, bis ein Impfstoff gegen sowie einfach handhabbare und günstige Schnelltests für das Coronavirus existieren. Wir wissen auch nicht, ob nach den Osterferien die Schulen wieder geöffnet werden, wann wir uns wieder mit unseren Freunden treffen können und ob an den Universitäten im nächsten Semester wieder normale Präsenzlehrveranstaltungen abgehalten werden können.

Sich mit dieser Situation abzufinden und es auszuhalten, dass wir gewisse Dinge derzeit nicht wissen, ja nicht wissen können, und deshalb keine sichere Planung möglich ist, fällt vielen Menschen schwer. Doch warum ist das so? Spinoza erklärt das damit, dass die in Krisenzeiten sichtbar werdende Unwissenheit auf eine besondere Affektlage trifft. So fährt er fort: «Weil sie [die Menschen] oft in solche Verlegenheit geraten, dass sie gar keinen Rat wissen, und weil sie ob ihrem masslosen Streben nach ungewissen Glücksgütern meist kläglich zwischen Furcht und Hoffnung schwanken, ist ihr Sinn . . . dazu geneigt, alles Beliebige zu glauben.»

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Ebenso wie die epistemische Unsicherheit gehört es nach Spinoza zur menschlichen Existenz, dass wir uns nach Glück sehnen und viel daran setzen, uns all diejenigen Wünsche nach Gütern zu erfüllen, welche diese Sehnsucht zu stillen verheissen. Da es sich dabei oft um unsichere Güter handelt, die uns kaum nachhaltig glücklich machen und deren Verfügbarkeit ebenso unsicher ist wie die allgemeine Lage, werden wir zwischen Furcht und Hoffnung hin- und hergerissen.

In Krisenzeiten, in denen die Erfüllung unserer Wünsche – Ferien in Spanien, Partys mit Freunden oder ein Wellness-Wochenende mit unseren Liebsten – noch unsicherer ist als sonst, nehmen diese Gemütsschwankungen überhand und lassen uns «alles Beliebige» glauben. Oder wie es Spinoza im nächsten Absatz beschreibt: Im Unglück befolgen Menschen jeden Rat, «mag er auch noch so ungeeignet, ja unsinnig und abenteuerlich sein».

Wer denkt bei solchen Beschreibungen nicht an die Schnapsidee, Corona-Partys zu veranstalten, wo Menschen sich absichtlich mit dem Virus anzustecken suchen? Oder daran, wie viele sich in den letzten Tagen massenhaft mit Toilettenpapier (ausgerechnet!) eingedeckt haben? Oder an manchen Rat seitens selbsternannter Experten, der sich bei genauerem Hinsehen als wahnwitzig erweist?

Das Philosophieren bleibt uns immerDoch wo guter Rat teuer ist, wäre er oft umso wichtiger. Gibt es denn keine Möglichkeit, wie man in Krisen mit der Unsicherheit fertigwird? Eine indirekte Antwort auf diese Frage findet sich in einem Brief, den Spinoza im Herbst 1665 an Heinrich von Oldenburg schrieb, den Sekretär der 1660 gegründeten Royal Society.

Oldenburg hatte Spinoza nicht nur berichtet, dass die Royal Society «in dieser gefahrvollen Zeit keine öffentlichen Sitzungen abhält», sondern er klagte auch darüber, dass sich – es herrschte gerade wieder einmal Krieg zwischen den Niederlanden und England – die Menschen gegenseitig zerfleischten, statt der Leitung ihrer Vernunft zu folgen.

Spinoza reagierte auf diese Klage zunächst mit dem Hinweis auf denjenigen Philosophen – gemeint ist Demokrit –, der angesichts solcher Wirren vor Lachen gestorben sei, und fuhr dann fort: «Mich bewegen diese Wirren weder zum Lachen noch zum Weinen, sondern vielmehr zum Philosophieren und zum besseren Beobachten der menschlichen Natur. Denn ich halte es nicht für recht, über die Natur zu spotten, und noch viel weniger, über sie zu klagen, wenn ich denke, dass die Menschen wie alles Übrige nur einen Teil der Natur bilden, und ich nicht weiss, wie jeder Teil der Natur mit den Ganzen zusammenhängt.»

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Kurz und gut: Wir können immer noch philosophieren, die Menschen beobachten und zu verstehen suchen, was ihrem – dem Anschein nach irrationalen – Verhalten zugrunde liegt. Das alles hilft. Und sei es, dass wir dadurch «nur» zur Einsicht kommen, dass wir gerade nicht viel anderes machen können, als die Klassiker zu lesen, die bereits auf unseren Büchergestellen zu verstauben drohten.

Ursula Renzist Professorin für Philosophiegeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz. 2019 erschien ihr Buch «Was denn bitte ist kulturelle Identität? Eine Orientierung in Zeiten des Populismus» (Schwabe-Verlag), 2010 «Die Erklärbarkeit von Erfahrung. Realismus und Subjektivität in Spinozas Theorie des menschlichen Geistes» (Klostermann-Verlag). 

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