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Brendan Simms legt eine 'globale Biografie' über Hitler vor

Adolf Hitler habe sich während seiner ganzen Karriere an Grossbritannien und Amerika abgearbeitet – das behauptet Brendan Simms in einer kontrovers diskutierten Studie. Wie sind die Thesen des Historikers einzuordnen?

08.04.2020 20:21:00

Adolf Hitler habe sich während seiner ganzen Karriere an Grossbritannien und Amerika abgearbeitet – das behauptet Brendan Simms in einer kontrovers diskutierten Studie. Wie sind die Thesen des Historikers einzuordnen?

Nicht der Sowjetunion und dem Bolschewismus galt Hitlers Hauptinteresse. Vielmehr habe er sich während seiner ganzen Karriere an Grossbritannien und Amerika abgearbeitet – das behauptet Brendan Simms in einer kontrovers diskutierten Studie. Wie sind die Thesen des Historikers einzuordnen?

W. Davies / Hulton Archive / GettyIst nicht endlich genug über Hitler und den Nationalsozialismus geschrieben worden? Diese Frage begleitet die wissenschaftliche Forschung über das «Dritte Reich» schon seit Jahrzehnten. Mit dem zeitlichen Abstand ist das Interesse an Adolf Hitler und dem «Dritten Reich» indes nicht geringer geworden. Es gibt keinen vergleichbaren Zeitabschnitt, über den ähnlich viel geschrieben wurde.

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Wer sich über Hitler informieren will, kann etwa zu der literarisch glänzenden Darstellung von Joachim Fest aus dem Jahr 1973 oder zu der voluminösen zweibändigen Studie von Ian Kershaw greifen, die vor gut zwanzig Jahren erschienen ist. Er kann auch die auf profunder Aktenkenntnis basierende, 2015 veröffentlichte Lebensbeschreibung von Peter Longerich lesen, ganz zu schweigen von der zeitgenössischen, noch immer lesenswerten, im Exil verfassten zweibändigen Hitler-Biografie des Journalisten Konrad Heiden aus den Jahren 1936/37, von Sebastian Haffners messerscharfem Essay «Anmerkungen zu Hitler» (1978) oder der Doppelbiografie Hitlers und Stalins von Alan Bullock (1991).

Der im englischen Cambridge lehrende, irischstämmige Historiker Brendan Simms, Verfasser der jüngsten Hitler-Biografie, weiss um die Notwendigkeit, sein Thema zu begründen. Artig verbeugt er sich vor den Fachkollegen, nennt die wichtigsten Bücher der letzten Jahre, um dann mit einem Paukenschlag seine neue These zu verkünden, mit der von hier und heute an Hitler neu zu lesen sei.

Hitlers Hauptaugenmerk habe während seiner gesamten Laufbahn nicht der Sowjetunion und dem Bolschewismus, sondern Anglo-Amerika gegolten. Seine Haltung gegenüber dem deutschen Volk sei von einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Angelsachsen geprägt und der Blick der Historiker zu sehr auf Hitlers «negative Eugenik» gegenüber den Juden und zu wenig auf die «positive Eugenik», das deutsche Volk auf die Höhe der Angelsachsen zu bringen, gerichtet gewesen.

«Wenn seine Behauptungen sich als tragfähig herausstellen», schreibt Simms mit Bezug auf sich als Autor, «müssten Hitlers Biographie und vielleicht die Geschichte des ‹Dritten Reiches› insgesamt neu durchdacht werden.» Sein Buch breche daher mit vielen «verbreiteten Ansichten über Hitler». Die Aufmerksamkeit der Fachhistorie war Simms mit seinem im vergangenen Herbst auf Englisch veröffentlichten Werk gewiss. Richard Evans, Verfasser einer dreibändigen Gesamtdarstellung zum «Dritten Reich», feuerte mit einem Verriss im «Guardian» eine unübliche volle Breitseite gegen den Zunftkollegen, wo in Britannien sonst eher zum Florett gegriffen wird.

Wichtige 1920er JahreWird die Biografie dem selbstgesetzten Anspruch gerecht? Die Antwort muss differenziert ausfallen. Das Buch ist im Grunde zweigeteilt. Die erste Hälfte ist eine fulminante Studie über Hitlers Weltanschauung, die überzeugend den Aufstieg des sozialen Déclassé aus dem Niemandsland zur politischen Provinzgrösse und dann zum mächtigsten Politiker Deutschlands nachvollzieht, eine souveräne Quellenbeherrschung verrät und schliesslich kenntnisreich die Stufen der Machtergreifung schildert.

Zu Recht fokussiert Simms auf die entscheidenden Münchner Jahre und bestätigt damit die Ergebnisse von Thomas Weber, der 2016 in einer minuziösen Studie den weltanschaulichen Formierungsprozess Hitlers in den 1920er Jahren erstmals herausgearbeitet hat. Hitler ist tatsächlich erst damals – und anders, als die frühe Hitler-Literatur behauptet hat – zum politisch motivierten Antisemiten geworden und hat sich in jenen prägenden Jahren sein geopolitisches, auf Lebensraum fixiertes Weltbild zusammengezimmert. Der zwiespältige Blick auf das deutsche Volk und seine «Raumnöte» – bestimmt von Sorge und der eiskalten Bereitschaft zur Preisgabe gleichermassen – war von da an bestimmend.

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Der zweite Teil handelt von Hitlers Kriegsstrategie. Hier entfaltet Simms seine Hauptthese von Hitlers Hauptfixierung auf die Angelsachsen. In den Augustwochen des Jahres 1939, als Hitler den Krieg mit Grossbritannien vorbereitete, sei Anglo-Amerika in seiner Gedankenwelt zu einer Einheit verschmolzen und der Hauptfeind, das von ihm so apostrophierte «internationale Finanzjudentum», mit Roosevelts Amerika identisch geworden.

Hitler konnte sich vor allem nicht erklären, warum sein ständiges Werben um Britannien unerwidert blieb. Es gebe – hier zitiert Simms Hitlers Unterredung mit dem Völkerbundshochkommissar Carl Burckhardt unmittelbar vor Kriegsausbruch – «etwas in den Angelsachsen, was sie zutiefst von uns trennt». Hitler wollte «freie Hand im Osten» und bekam stattdessen einen Krieg, der die logische Konsequenz seines Expansionskurses war und den er gleichwohl in dieser Konstellation nicht gewollt hatte.

Ein Krieg mit der Sowjetunion, dem neuen Verbündeten, stand vorerst für Hitler nicht auf der Tagesordnung, den Begriff Blitzkrieg lehnte er ab. Zutreffend beschreibt Simms, wie sehr sich Hitlers Strategie in den ersten beiden Kriegsjahren um den Wunschpartner Britannien drehte, wie er sogar das missglückte Attentat des Tischlers Georg Elser im Bürgerbräukeller im November 1939 mit dem britischen Geheimdienst in Verbindung brachte.

Erklärung mit LückenDoch hatte Hitler auch ein zutreffendes Bild von Amerika? Von Ernst Hanfstaengl, dem Hitler-Vertrauten der frühen Münchener Jahre, und von Fritz Wiedemanns Aussagen gegenüber dem britischen Geheimdienst wissen wir, dass Hitler Amerika eigentlich nie wirklich verstanden hat. Und Brendan Simms, der wie kein Historiker vor ihm aus dem Fundus der Reden und schriftlichen Aufzeichnungen Hitlers schöpft, kann im Grunde keinen stichhaltigen Beleg für eine abweichende Einschätzung anbringen.

Gewiss, Hitlers Wendung gegen die Sowjetunion war auch dem fehlgeschlagenen Versuch geschuldet, Europa gegen Anglo-Amerika zu mobilisieren und England seinen Festlandsdegen aus der Hand zu schlagen. Doch den «rasseideologischen Vernichtungskrieg» (Andreas Hillgruber), die Kriegführung ohne Humanität im Osten, erklärt diese Deutung nicht gänzlich.

In der geheimnisumwitterten Episode des Hess-Fluges und den Scheinverhandlungen des Emissärs mit Vertretern der britischen Regierung – zehn Tage vor dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion – hält Simms es für unwahrscheinlich, dass Hitler vorab von Hess eingeweiht worden war, doch bezweifelt er nicht, dass Hess geglaubt hatte, in Hitlers Sinn zu handeln. Auch in der Frage des wohl nur mündlichen Befehls zum Mord an den europäischen Juden im Jahr 1941 (Christian Gerlach hat unlängst dazu alle vorliegenden Ergebnisse zusammengetragen) bleibt Brendan Simms in seiner Interpretation zurückhaltend.

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Die Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten – darauf ist das Narrativ der Biografie aufgebaut – wird in dieser Strategiegeschichte zum entscheidenden Augenblick in Hitlers Karriere, obwohl er alles getan habe, um genau diesen Punkt zu vermeiden. Die Jahre danach sind wohl weniger strategisch angelegt gewesen, als dies bei Simms erscheint. Das Unternehmen «Barbarossa», der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, war gewissermassen die folgenreichste und zugleich die letzte grosse strategische Entscheidung Hitlers.

Für Anglo-Amerika war sie zunächst noch nicht der Auftakt für die Koalitionskriegsführung, erst mit der Kriegserklärung an Amerika wurde die weltumspannende Koalition aus der Taufe gehoben. Als der «klare Sieg», der Hitler vorgeschwebt hatte, unmöglich geworden war, stellte sich nur noch die «restlose Vernichtung» als Alternative.

Ein packendes BuchSimms hat eines der anregendsten Bücher über Hitler der letzten Jahrzehnte verfasst, er beherrscht die Kunst der Verdichtung, er zieht den Leser mit seinem schnörkellosen, pointierten Stil in den Bann. Hitlers Strategie freilich erscheint durch die konsequente Inbeziehungsetzung zu den dogmatischen Aussagen stringenter, als sie es am Ende tatsächlich war.

Denn Hitler hatte längst alle Brücken hinter sich abgebrannt, Kriegsfortsetzung war von nun an allein lebensverlängernde Massnahme für seine prekäre Existenz, Diplomatie in jener Schlussphase nicht viel mehr als die letzte Zuckung eines todgeweihten Regimes. Mit Strategie im Clausewitzschen Verständnis hatte dies nicht mehr viel zu tun. Seit 1943 hatte Hitler wiederholt im kleinen Kreis eingestanden, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Die Ablehnung eines separaten Friedensschlusses mit der Sowjetunion, wie es ihm Mussolini mehrfach nahegelegt hatte, hat auch hier ihren Ursprung.

Wenn Simms zusammenfassend behauptet, dass Hitlers gesamte Strategie letztlich darin bestanden habe, «die Gefahr des Bolschewismus zu benutzen, um auf Deutschland, Europa und vor allem Anglo-Amerika politisch Einfluss zu nehmen», so erfasst dies nur einen, wenn auch zentralen Aspekt. Zutreffend verweist Simms aber darauf, dass Hitler in seinem letzten Dokument, dem politischen Testament vom 29. April 1945, weder den Kommunismus noch die Sowjetunion erwähnt.

Hitler verschwand beinahe ebenso spurlos, wie er gute zwanzig Jahre zuvor aus dem Niemandsland aufgetaucht war. Doch wie schon Herbert Lüthy in seinem Nachruf auf Hitler im Mai 1945 im «St. Galler Tagblatt» geschrieben hat: «Ein Zusammenbruch ist nie das Ende. Was an die Stelle des Zusammengebrochenen tritt, das entscheidet.»

Es wäre reizvoll gewesen, darüber nachzudenken, was der Aufstieg der Populisten und die Zunahme rechtsextremer Strömungen in Deutschland für das Bild Hitlers bedeuten und wie sich heute junge Menschen, die im Zweifel so wenig von Hitler wissen wie keine Generation seit 1945 vor ihnen, mit dem deutschen Diktator auseinandersetzen und ob dies unseren Blick auf Hitler verändert. Geschichte entnimmt ihre Fragestellungen immer auch der jeweiligen Gegenwart.

Nur die Welt war genugMüssen wir nach Simms Hitler anders sehen? Das moralische Verdikt bleibt unberührt. Hitler ist auch bei Simms der Ruinierer, der er war und der in beinahe allem das Gegenteil dessen erreichte, was ihm vorgeschwebt hatte. Das Weltsystem nach 1945 wäre nicht entstanden ohne Adolf Hitler und sein Ende: nicht die Anti-Hitler-Koalition der so ungleichen Partner Vereinigte Staaten, Grossbritannien und Sowjetunion, nicht das bipolare System der Nachkriegszeit, nicht die Pax atomica, nicht die Vereinten Nationen, nicht die sowjetische Hegemonie über Ostmittel- und Osteuropa und auch nicht die deutsche Teilung.

Nur die Welt, so treffend der Untertitel im Englischen, war ihm genug. Hitlers Hybris bestand auch darin, dass er die Weltgeschichte in den engen, zeitlich beschränkten Rahmen einer persönlichen Biografie pressen, sie quasi seinen privaten Lebensgesetzen unterordnen wollte. Global ist diese Biografie, so der vom Verlag etwas unglücklich gewählte Untertitel der im Übrigen gelungenen deutschen Übersetzung von Klaus-Dieter Schmidt, nur insoweit, als der von Hitler angezettelte Krieg sich rasch zum globalen Krieg ausgeweitet hat. Und insofern, als Hitler, zutiefst ein Mann der Schwelle des 19. zum 20. Jahrhundert, ein begnadeter Adaptierer, der rasch die Segnungen der Technisierung und der Modernisierung für sich zu instrumentalisieren verstand, damit auch à contrecœur zum Vorläufer der Globalisierung geworden ist.

Hitler war in einer wohl einzigartigen Mischung Hasardeur und Stratege. Geschichte, so schrieb Thomas Carlyle im Jahr 1838, ist die Essenz von ungezählten Biografien. Je grösser der zeitliche Abstand, desto deutlicher tritt hervor: Hitlers Biografie hat den Lauf der Weltgeschichte im 20. Jahrhundert so verändert wie kaum eine vor ihm in seiner Zeit. Diese Geschichte ragt noch immer in unsere Gegenwart hinein.

Brendan Simms: Hitler. Eine globale Biografie. Aus dem Englischen übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020. 1050 S., Fr. 61.90.Ulrich Schlieist Henry-Kissinger-Professor für Sicherheits- und Strategieforschung an der Universität Bonn.

Mehr zum ThemaMan meint längst alles über ihn zu wissen. Doch seit ein paar Jahren ist Hitler wieder Gegenstand zahlloser Biografien. Auch wenn inzwischen die meisten Quellen erschlossen sind: Neue Erkenntnisse fördert die Forschung immer wieder zutage.

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Servus NZZ, ein freundlicher Hinweis zur Bildunterschrift: das Foto sieht dann doch mehr nach Berliner Reichskanzlei aus als nach Obersalzberg 👇🏽 Auge MarcFelixSerrao Nöö, 'Lebensraum' in Osten, wie in Mein Kampf beschrieben, war sein aussenpolitisches Leitmotiv. Warum deutsche Soldaten dann plötzlich von Narvik bis Tobruk an den Fronten standen, war der diletantischen Ausführung geschuldet. Er hatte neben den USA auch England nie verstanden😉

Irgendwie hat die NZZ zu wenig Schweizer Journalisten... Bei den Deutschen kommen immer diese Hitler Artikel. Wie wär's mit Artikel über Willhelm Tell, Huldrych Zwingli oder Fondue? Ich meine, sonst könnte man das Z für Zürich eigentlich auch aus dem Namen streichen!

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