Florence Price: Die erste schwarze Komponistin

Der musikalischen Pionierin gelang eine Art Missing Link zwischen Dvořáks Symphonie Aus der Neuen Welt und der Klassik-Jazz-Melange eines Gershwin.

20.01.2022 17:18:00

Der musikalischen Pionierin gelang eine Art Missing Link zwischen Dvořáks Symphonie Aus der Neuen Welt und der Klassik-Jazz-Melange eines Gershwin.

Der musikalischen Pionierin gelang eine Art Missing Link zwischen Dvořáks Symphonie „Aus der Neuen Welt“ und der Klassik-Jazz-Melange eines Gershwin.

Die Erste Symphonie, sie steht wie das offenkundige Vorbild aus Dvořáks Feder in e-Moll, war im Juni 1933 in Chicago in einem Konzert mit Werken afroamerikanischer Komponisten unter dem Titel „The Negro in Music“ uraufgeführt worden. Sie erhielt höchst wohlwollende Kritiken. So hieß es, das Werk sei „tadellos“ gearbeitet, verrate „Entschlossenheit und Leidenschaft“ und habe einen Platz im symphonischen Repertoire verdient.

Selbstbewusst in AtlantaUmso erstaunlicher, dass es nach dem Tod der Komponistin, 1953, Jahrzehnte gedauert hat, bis man sich wieder ihrer erinnerte. Der Reihe nach: Florence Beatrice Price kam 1887 zu Welt und wuchs im Haushalt eines gutbürgerlichen Zahnarztes in Little Rock, der Hauptstadt von Arkansas, auf. Die gelebte Apartheid der Vereinigten Staaten in jener Epoche brachte es mit, dass der Vater, Doktor Smith, weiße Patienten nur klammheimlich behandeln durfte. Dennoch bekam Florence einen gediegenen Musikunterricht und unterrichtete bald selbst an der Universität von Atlanta. Als Frau des Anwalts Dr. Price wurde sie Mutter mehrer Kinder und brachte in ihrer Freizeit Klavierstücke, Kammermusik, Konzerte und Symphonien zu Papier. An eine Komponistenkarriere war für eine Schwarze damals nicht zu denken.

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Sie war die erste schwarze Komponistin, musikalische Pionierin der genuin US-amerikanischen Musik, und es gelang ihr, eine symphonische Brücke zwischen Antonín Dvořák und George Gershwin zu schlagen. Erst jetzt, also mit knapp 90 Jahren Verspätung, kam eine ernst zu nehmende Aufnahme zweier Symphonien von Florence Price in den Handel. Yannick Nézet-Séguin hat sie mit dem Philadelphia Orchestra für DG aufgenommen. Die Erste Symphonie, sie steht wie das offenkundige Vorbild aus Dvořáks Feder in e-Moll, war im Juni 1933 in Chicago in einem Konzert mit Werken afroamerikanischer Komponisten unter dem Titel „The Negro in Music“ uraufgeführt worden. Sie erhielt höchst wohlwollende Kritiken. So hieß es, das Werk sei „tadellos“ gearbeitet, verrate „Entschlossenheit und Leidenschaft“ und habe einen Platz im symphonischen Repertoire verdient. Selbstbewusst in Atlanta Umso erstaunlicher, dass es nach dem Tod der Komponistin, 1953, Jahrzehnte gedauert hat, bis man sich wieder ihrer erinnerte. Der Reihe nach: Florence Beatrice Price kam 1887 zu Welt und wuchs im Haushalt eines gutbürgerlichen Zahnarztes in Little Rock, der Hauptstadt von Arkansas, auf. Die gelebte Apartheid der Vereinigten Staaten in jener Epoche brachte es mit, dass der Vater, Doktor Smith, weiße Patienten nur klammheimlich behandeln durfte. Dennoch bekam Florence einen gediegenen Musikunterricht und unterrichtete bald selbst an der Universität von Atlanta. Als Frau des Anwalts Dr. Price wurde sie Mutter mehrer Kinder und brachte in ihrer Freizeit Klavierstücke, Kammermusik, Konzerte und Symphonien zu Papier. An eine Komponistenkarriere war für eine Schwarze damals nicht zu denken. Die neue CD wird die Musikwelt nun zumindest davon überzeugen, dass in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts doch mehr handwerklich solide Musik „im Eigenbau“ entstanden ist, als man bis dato anzunehmen bereit war. Gewiss sind die Anklänge an Dvořáks berühmte Neunte nicht zu überhören. In ihrer Tendenz, Volkslieder und Volksliedartiges in die Themenbildung ihrer Werke einzubinden, geht Price hie und da bis an die Nähe des Zitats: Das Seitenthema des ersten Satzes ihrer Ersten Symphonie klingt wie das (dort von der Flöte eingeführte) Gegenstück bei Dvořák. Und der langsame Satz beginnt, ebenfalls wie bei Dvořák, mit einem Bläserchoral, hier allerdings auch im „Spiritual-Ton“ gehalten. Unverwechselbar „afroamerikanisch" Originell die Einbindung des Schlagzeugs in unerwarteten Momenten. Originell und unverwechselbar „afroamerikanisch“ das swingende Scherzo, ein „Juba Dance“ als perfektes Gegenstück zu den entsprechend autochthon-tänzerischen Sätzen in europäischen Symphonien, die in unseren Breiten dann (von Haydn über Bruckner bis Mahler) wie Ländler, bei Dvořák wie slawische Tänze klingen. Bei Florence Price tanzt eben die Ragtime-Generation, darf aber im Konzertsaal – anders als auf den Plantagen der Großgrundbesitzer – Schlaginstrumente verwenden . . . Die Erste Symphonie klingt mit einer wirbelnden Neue-Welt-Hommage an Tarantella-Finalsätze wie jenen aus Mendelssohns „Italienischer“ aus. Nézet-Séguins Album enthält auch noch die Dritte Symphonie (in c-Moll), die Price auf einer Reise in harmonisch apartere Gebiete zeigt. Sie nähern sich hier, symphonisch diszipliniert, noch mehr dem Idiom Gershwins, wobei der Kopfsatz in einem spannenden Spiel der Kontraste nicht nur harmonisch dank einiger von der Ganztonskala ausgehender Einsprengsel, sondern auch im Tempo zwischen mäßig langsamer und Allegro-Bewegung changiert. Wie ein improvisiertes Spiritual-Medley klingt das folgende Andante. Frech synkopiert dann wiederum das „Juba“-Scherzo, ähnlich im Tripel-Rhythmus vorangetrieben wie das Finale der Ersten auch der Ausklang der Symphonie, der Price wiederum ein „Happy End“ verweigert: Auch die Dritte schließt nach einigen innehaltenden Momenten in unversöhnlich herbem Moll. Alles in allem sollte dieser Neuerscheinung – nach der Pionier-Einspielung der Ersten Symphonie durch das New Black Repertory Ensemble vor etwa zehn Jahren (Albany Records) – also Aufmerksamkeit sicher sein. Sie ist ein musikhistorisches Korrektiv. Yannick Nézet-Séguin; „Florence Price: Symphonien Nr. 1 & 3“; (Deutsche Grammophon) Zum „Das Wichtigste des Tages“ Newsletter Der einzigartige Journalismus der Presse. Jeden Tag. Überall.