1989: Epochenwechsel

Reflexionen über die Bedeutung und den Bedeutungsverlust eines Revolutionsjahres.

23.7.2019

Europa: 'Die polnische Bürgerbewegung Solidarność setzte 1989 Maßstäbe, die Folgen hatten.' Über die Bedeutung und den Bedeutungsverlust des Revolutionsjahres schreibt Basil Kerski, deutsch-polnischer Politikexperte.

Reflexionen über die Bedeutung und den Bedeutungsverlust eines Revolutionsjahres.

Die Rechnung ging nicht auf, die mitteleuropäische Revolution von 1989 strahlte aus auf das gesamte Imperium. Innerhalb der UdSSR setzten die Kommunisten daraufhin zum Teil auf Gewalt, um den Wandel zu stoppen. Gorbatschow schickte Truppen in die baltischen Republiken. Kommunistische Betonköpfe wollten im Sommer 1991 Gorbatschow stürzen und beschleunigten damit nur den Zusammenbruch des Sowjetreiches. Auf den Trümmern des roten Imperiums entstand die Russische Föderation.

Der Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftsbereiches gab der Idee der politischen Integration Europas Anfang der 1990er Jahre neuen Auftrieb. Die Staaten des Westens bauten 1993 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft in eine Europäische Union um, betonten die politischen Grundlagen der Integration und intensivierten gleichzeitig die ökonomischen Verbindungen. Im Vertrag von Maastricht von 1992 wurde die finanzielle Integration vertieft, die Einführung einer gemeinsamen Währung als konkretes Ziel formuliert. Neutrale Staaten in der Zeit des Kalten Krieges wie Österreich, Schweden und Finnland traten 1995 der Europäischen Union bei und stärkten deren ökonomische wie politische Attraktivität.

Der Runde Tisch in Polen, die Legalisierung der Solidarność und die Reformpolitik Gorbatschows inspirierten Chinas Jugend im Frühjahr 1989 zu gewaltfreien Protesten für die Reform des chinesischen Kommunismus. Als Ende Mai zu den Studenten Arbeiter dazustießen und sich freie Gewerkschaften formierten, begriff das Politbüro, dies sei eine gefährliche politische Mischung, die zur Geburt einer chinesischen Solidarność führen könnte. Vor dem Hintergrund polnischer Erfahrungen entschied die KP-Führung, diesen Prozess gewaltsam zu stoppen.

Die vergessene Bedeutung der europäischen, gar weltpolitischen Dimension von 1989 - besonders in Deutschland - erstaunt: Das vereinigte Deutschland, die Berliner Republik ist ein Kind dieser Revolution, hat von der Avantgarderolle der polnischen und ungarischen Gesellschaft stark profitiert. Doch in den wichtigsten deutschen Museen oder Bildungsinhalten ist der europäische Kontext, etwa der deutsch-polnische, des Umbruchsjahres 1989 kaum präsent.

So hatte ich nach der deutschen Vereinigung das Gefühl, die meisten Deutschen glaubten, die alte Bonner Republik bestehe weiter, sei nach dem 3. Oktober 1990 lediglich um neue Bundesländer ergänzt worden. Die tiefgreifenden Veränderungen würden nur Berlin und den Osten erfassen, so der damalige Zeitgeist. Von der"nachholenden Modernisierung" des Ostens war oft die Rede. Der Osten müsse nun die im Westen bewährten Muster der Demokratie annehmen und den regionalen Gegebenheiten anpassen. Und es waren nicht nur die Westdeutschen und Westeuropäer, die diese Vorstellung vom Wandel teilten: Auch viele Bürger der postkommunistischen Staaten nahmen zunächst ihre Transformation als"nachholende Modernisierung" wahr. Der Zusammenbruch des Kommunismus wurde allgemein als Triumph des Westens interpretiert. Erst in den letzten Jahren begann man zu verstehen, dass eine ganz andere europäische Gemeinschaft und, im Falle Deutschlands, eine ganz neue Republik entstanden sind.

Für die negative Stimmung im Westen sorgen nicht allein die Fremdenfeindlichkeit, die Unkenntnis des mittleren und östlichen Europa oder die Angst vor der neuen Konkurrenz. Der europakritische Zeitgeist, die Faszination für engere politische Identitäten, für neuen Nationalismus haben ihre Ursachen in einer anderen Revolution von 1989. Denn jenes Jahr markiert einen dramatischen zivilisatorischen Wandel, dessen Wirken und Folgen wir erst heute einschätzen: die digitale Revolution.

Als besonders schwierig erwies sich dieser Prozess der Veränderung für die Menschen aus dem postkommunistischen Europa. Sie mussten sich in den Realitäten einer Demokratie und der kapitalistischen Wirtschaft zurechtfinden, gleichzeitig wandelte sich die neue Welt fundamental. Vom Stress einer doppelten Transformation könnte man hier sprechen. Angesichts dieses Zusammentreffens von politischer und zivilisatorischer Revolution erinnert der Epochenwechsel von 1989 an jenen nach 1789, der Zeit der Aufklärung, Französischen Revolution und technologischer Veränderungen, die zur Industrialisierung des 19. Jahrhunderts geführt haben.

Dieser Nationalismus wiederum bestätigt viele Westeuropäer in der Annahme, es gäbe eine natürliche Grenze für die Demokratie und politische Rationalität in Europa, und diese ende traditionell an der Elbe, entlang des alten Eisernen Vorhangs. Diese Vorstellung nützt nur den Autokraten und Nationalisten als Legitimierung ihrer Politik des Abschließens, der Betonung der Distanz zum Nachbarn. Die prägenden politischen wie kulturellen Konfliktlinien verlaufen heute aber nicht entlang der Grenzen, sondern durch die Gesellschaften.

Dieses Bündnis wird der Partei vielleicht kurzfristig die Macht sichern, langfristig aber das gesellschaftliche und kulturelle Klima vergiften. Denn der Widerstand gegen die Orbanisierung Polens ist groß, ganz besonders in den städtischen Räumen und im Westen des Landes. Dieser Teil der polnischen Gesellschaft will sich von Europa und den Idealen der Revolution von 1989 nicht abwenden, doch das Lager ist extrem pluralistisch, reicht von kapitalismuskritischen Linken zu konservativen Christen. Eine gemeinsame politische Agenda ist auf dieser Basis schwer herzustellen.

Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft, schrieb George Orwell im Roman"1984". Der Streit um die Deutung des Revolutionsjahres 1989 ist zugleich der Streit um die Zukunft der Demokratie. Das zeigte sich, als diesen Juni 220.000 Menschen nach Danzig kamen, um der ersten halbfreien Wahlen in Polen zu gedenken. Es war eine gesellschaftliche Bewegung gegen die Diskreditierung der Politik des friedlichen Wandels 1989 - und ein Plädoyer für ein weltoffenes, tolerantes, demokratisches Polen.

Die Kenntnis der Traditionen und die Bewältigung von Krisen sind zwei miteinander zusammenhängende Kompetenzen. Ohne ein europäisches Geschichtsbewusstsein gibt es keine demokratische Zukunft Europas.

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