Literarisches Leben, Huber, Wolfgang (Theologe), Oran, Prinzip Hoffnung, Ernst Bloch, Musik, Juli Zeh, Albert Camus, Evangelische Kirche, Theodor Fontane, Hans Jonas, Tübingen, Wolfgang Huber, Dietrich Bonhoeffer, Hannah Arendt, Ernst Rudolf Huber, Thomas Mann, Hans Castorp, Universität Straßburg

Literarisches Leben, Huber

Theologe Wolfgang Huber: „Fontanes Ironie hat mir das Bischofsamt erleichtert“ - WELT

'Fontanes Ironie hat mir das Bischofsamt erleichtert'

30.05.2020 17:55:00

'Fontanes Ironie hat mir das Bischofsamt erleichtert'

Sein Vater lehrte NS-Staatrecht in Straßburg, wo Wolfgang Huber 1942 zur Welt kam. Welche Bücher ihn durchs Leben begleiteten, verrät er hier, von Bonhoeffer über Juli Zeh bis zu den Herrnhuter Losungen.

Wolfgang Huber wurde 1942 in Straßburg geboren, sein Vater war der NS-Staatsrechtslehrer Ernst Rudolf Huber. Nach dem Theologiestudium war Wolfgang Huber Uni-Professor in Marburg, Heidelberg und den USA sowie Kirchenmann in vielen Funktionen. Bunt wie ein Kirchentag ist auch sein Bücherregal, aus dem er uns nachstehend zehn prägende Lektüren mit eigenen Worten vorstellt.

Polens Regierung wirft deutschen Medien Manipulation vor Kommentar zu Merkels Rede: Klare Kante, klare Worte Harsche Kritik an Seehofer: „Wie blind und ignorant kann man sein“

Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789 Mein erstes Bild von meinem Vater zeigt ihn an der Schreibmaschine sitzend; er überträgt einen handschriftlich konzipierten Text in Maschinenschrift. Mein erstes Bild von Büchern ist, dass sie geschrieben werden. Zur Zeit meiner Geburt war mein Vater Professor für Staatsrecht an der Universität Straßburg; dass er sich auf die nationalsozialistische Vorstellung von Staats(un)recht eingelassen hatte, kam auch in dieser Position zum Ausdruck. Als das von der deutschen Wehrmacht okkupierte Straßburg 1944 von den Alliierten zurückerobert wurde, war es damit vorbei.

Anzeige Für viele Jahre war meinem Vater die Rückkehr an eine Universität verstellt. Von außen betrachtet, ertrug er das klaglos; im Unterschied zu manchen Kollegen stand er zu seiner Schuld. So erlebte ich von Kind an das Entstehen der „Deutschen Verfassungsgeschichte“, die dort endete, wo die Rolle meines Vaters in dieser Geschichte auf verhängnisvolle Weise offenkundig wurde: 1933. Der erste Band dieses Werks erschien, als ich fünfzehn war. Dessen Lektüre habe ich etwas später nachgeholt. Alle folgenden sechs Bände habe ich Korrektur gelesen. Was folgt daraus? Entweder hat man von Büchern genug – oder man fängt selbst zu schreiben an.

Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft Eine andere Welt begegnete mir bei den Christlichen Pfadfindern, bei denen ich schon als Kind heimisch wurde. Früh durften wir ohne erwachsene Begleitung „auf Fahrt“ gehen; vier ältere Brüder hatten meiner Eigenständigkeit den Weg geebnet. Doch wir suchten nicht nur Abenteuer, sondern auch Formen des gemeinsamen Lebens. Eine schmale Schrift Dietrich Bonhoeffers begegnete uns, die diesem Thema gewidmet war. Doch wichtiger wurden mir seine Aufzeichnungen aus dem Militäruntersuchungsgefängnis in Berlin-Tegel mit dem provozierenden Titel „Widerstand und Ergebung“.

Hier bekam ich es mit einem Menschen zu tun, der vom ersten Tag an gegen das Hitler-Regime aufbegehrte. Später gehörte er zu den Verschwörern, die der Tyrannei ein Ende setzen wollten. Am 9. April 1945 wurde er auf Hitlers persönliches Geheiß umgebracht. Bei der Lektüre der Gefängnisbriefe begann ich zu ahnen, dass bei dieser Person Leben und Glauben, Biografie und Theologie eng miteinander verbunden waren. Für den Weg in das Studium der Theologie war diese literarische Begegnung ausschlaggebend. Jahrzehnte später gehörte ich zu den Mitherausgebern der Werke Dietrich Bonhoeffers; mein bisher letztes Buch porträtiert ihn.

Albert Camus: Die Pest Anzeige Der Existenzialismus schlug für mich die Brücke von der humanistischen Bildung zur Moderne. Die „Orestie“ des Aischylos mit den „Fliegen“ von Jean-Paul Sartre zu vergleichen, faszinierte mich. Doch sympathischer als Sartre war mir Albert Camus, der mit seinem „Sisyphus“ eine ähnliche Brücke schlug. Die Gründe, deretwegen er sich selbst nicht als Existenzialist verstand, interessierten mich wenig. Er deckte die Absurdität des Lebens auf, blieb jedoch nicht dabei stehen, sondern setzte ihr einen Geist der Liebe und der Solidarität entgegen. Sein Buch über die Pest in der algerischen Stadt Oran war zugleich eine Abrechnung mit dem Krieg und ein Denkmal für die französische Résistance.

In unserer Bibliothek steht ein Exemplar der rororo-Ausgabe, das meine Frau im Februar 1965 gekauft hat. Da kannten wir uns schon ein Jahr. Es gehört zum 298. Tausend der deutschen Taschenbuchausgabe, eine sensationelle Resonanz. Nun wurde das Buch wieder brandaktuell; die metaphorische Bedeutung des Werks tritt zurück: Wir brauchen aufopferungsbereite Ärzte wie Dr. Rieux, und das nicht nur in Oran, sondern auf der ganzen Welt. Als meine Frau und ich vor vielen Jahren im Luberon-Gebirge zelteten, besuchten wir das Grab von Albert Camus in Lourmarin. Ein schlichter Stein: der Name, die Jahreszahlen von Geburt und Tod, sonst nichts.

ZDFzoom: Die Macht der Corona-Mythen Merkel im EU-Parlament: Eine Hymne auf Europa Donald Trump: Nichte zeichnet in Enthüllungsbuch ein verheerendes Bild

Lesen Sie auch Camus gegen Corona Warum man jetzt „Die Pest“ lesen sollte Thomas Mann: Der Zauberberg Eine Zeit lang verschlang ich Thomas Mann. Der „Zauberberg“ wurde mir am wichtigsten, wohl deshalb, weil er ein Bildungsroman ist – und dies in der Verfremdung einer Epoche, die an ihr Ende kam, als Thomas Mann sie beschrieb. Doch im Zentrum meines Interesses stand nicht die Sanatoriumswelt, die Thomas Mann bei einem dreiwöchigen Besuch als so befremdlich empfunden hatte, dass er sie im Roman auf sieben Jahre ausdehnte.

Anzeige Ein Kapitel zog mich mehr als alle anderen an: das Kapitel „Schnee“. In bodenlosem Leichtsinn gerät Hans Castorp in einen Schneesturm, in dem er sich in ein „Traumgedicht vom Menschen“ verliert. Doch er entkommt. In diesem Kapitel findet sich der einzige kursiv gedruckte Satz des ganzen Romans: Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. Hans Castorp fügt in seinem Selbstgespräch hinzu: „Und damit wach ich auf …“.

Ernst Bloch: Tübinger Einführung in die Philosophie Im Jahr 1961, in dem die Berliner Mauer errichtet wurde, studierte ich Theologie in Tübingen. Die Hälfte der Lehrveranstaltungen, die ich besuchte, belegte ich außerhalb der Theologie. Das Wintersemester begann mit der Antrittsvorlesung eines neuen Philosophieprofessors. Ernst Bloch, bis dahin in Leipzig lehrend, war zum Zeitpunkt des Mauerbaus in der „BRD“ und beschloss zu bleiben.

In Windeseile wurde ihm eine Professur in Tübingen zuerkannt. Er eröffnete seine Lehrtätigkeit mit der Antrittsvorlesung. Dass der Name dieser Vorlesung so ernst genommen wird, erlebt man fast nie. Der Philosoph des „Prinzips Hoffnung“ stellte gleich zu Beginn die Frage: „Kann Hoffnung enttäuscht werden?“ Und er antwortete: „Allerdings“. Mit dieser nüchternen Feststellung begann die „Tübinger Einführung in die Philosophie“. Das war eine Lehre fürs Leben.

Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben Dass der Tod nicht das letzte Wort hat, übersetzt Hannah Arendt aus der individuellen in die gemeinschaftliche Existenz der Menschen. Auf die Geburtlichkeit des Menschen kommt es an. In der Gemeinschaft mit anderen kann er etwas bewirken, was über die Sterblichkeit der Einzelnen hinausweist. Dieser Gedanke hat mich gerade bei einer Autorin beeindruckt, die intensiv mit dem Scheitern von Plänen und mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert war.

Wie totalitäre Herrschaft Menschenleben zerstören kann, wurde für sie zum Lebensthema. Auf dem Weg ins Exil erfuhr sie, wie Menschen zumute ist, die kein Recht auf Zugehörigkeit haben. Deshalb entwickelte sie einen radikalen Begriff der Menschenrechte: Ihr Kern ist das Recht, Rechte zu haben. Wie aktuell!

Noam Chomsky,Daniel Kehlmann,J.K. Rowling: Gut gemeint Mary Trump: So greift die Nichte den Präsidenten an Bayerischer Landtag: AfD-Politiker provoziert mit Gasmaske

Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung Während Hannah Arendt ihr Hauptwerk zunächst auf Englisch schrieb und dann selbst ins Deutsche übersetzte, ging Hans Jonas, wie Arendt jüdischer Emigrant deutscher Herkunft in Amerika, den umgekehrten Weg: Er schrieb sein Buch zunächst auf Deutsch, weil das schneller ging und die Zeit drängte. Dann aber nahm er sich doch die Muße, es selbst ins Englische zu übersetzen. Bis zum heutigen Tag stößt sein Werk im deutschen Sprachraum auf mehr Resonanz als anderswo. Dazu trug er selbst bei, indem er sich bei der Wahl des Titels vom Widerspruch gegen Blochs „Prinzip Hoffnung“ leiten ließ.

An die Stelle der Neugier auf das, was noch werden soll, rückte er die Aufmerksamkeit für das, was zu fürchten ist. Jonas sah den Grund zur Furcht in der angemaßten Herrschaft des Menschen über die Biosphäre in der Zeit des „Anthropozän“. Im Klimawandel findet dieser epochale Einschnitt seinen dramatischen Ausdruck. Die Verpflichtung auf das Vorsorgeprinzip („precautionary principle“) geht auf Hans Jonas zurück. Die persönliche Begegnung mit ihm beeindruckte mich sehr. Seine Mahnungen bleiben auch für den richtig, der nicht nur vor Risiken warnt, sondern auch Chancen würdigt. Beides gehört zu der Verantwortungsethik, für die ich mich einsetze.

Theodor Fontane: Der Stechlin Anzeige Als meine Frau und ich vor 25 Jahren aus dem deutschen Südwesten nach Berlin zogen, wurde Theodor Fontane unser Cicerone. Mehr noch als seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ wurde der „Stechlin“ zu einem meiner Lieblingsbücher. Das gilt noch mehr, seit wir in „Kloster Wutz“ heimisch geworden sind, das in der Wirklichkeit „Kloster Lindow“ heißt. Noch wichtiger als seine Beschreibung von Landschaften, Orten oder Gebäuden sind Fontanes Schilderungen der Menschen. Die heitere Ironie, mit der er das kirchliche Personal charakterisiert, hat mir die Aufgabe als evangelischer Bischof in dieser Region sehr erleichtert.

Juli Zeh: Unterleuten Juli Zeh ist kein moderner Fontane; doch die lebensnahe Schilderung beherrscht sie wie er. Die Spannungen zwischen Eingesessenen und Zugezogenen in ihrem fiktiven brandenburgischen Dorf, die Besserwisserei der Wessis und die zwischen den Ossis noch nicht beglichenen Rechnungen aus früherer Zeit, aber auch der fehlende Blick auf die „Kirche im Dorf“ und das gespenstische Ende des Romans – in all dem spiegeln sich auch meine Erfahrungen. Juli Zeh ist gelernte Juristin. Dass sie so gut schreiben kann, wird den Urteilen zugutekommen, an denen sie als neues Mitglied des brandenburgischen Verfassungsgerichts beteiligt ist.

Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine Auf Initiative von Nikolaus Graf von Zinzendorf erschienen die Herrnhuter Losungen im Jahr 1731 zum ersten Mal. Seitdem gibt es, inzwischen zum 290. Mal, Jahr für Jahr ein Büchlein, in dem jedem Tag ein Satz aus dem Alten Testament zugelost ist; ihm tritt ein inhaltlich passender Satz aus dem Neuen Testament zur Seite. Schon als Pfadfinder war ich mit den Losungen als Teil unserer Morgenandacht vertraut. Später kam ich wieder darauf zurück.

Weiterlesen: WELT »

Urteil im VW-Dieselskandal - 'Das hat mir gut getan'Norbert Flother gehört zu den Klägern, die gegen VW bis vor den BGH gezogen sind. Dabei hat er einiges durchgemacht. Dimensionen dieses Skandals sind gewaltig. Der Ausmaß der kriminellen Intention, fehlendes Rechtsverständnis, herablassende Einstellung den Kunden gegenüber, Uneinsichtigkeit. VW kann sich noch freuen, so glimpfig davon gekommen zu sein. Und die Politik hat das möglich gemacht.

Landtag erleichtert Voraussetzungen zur Kommunalwahl - WELTDie Vorbereitungen für die Kommunalwahlen im September werden wegen der Corona-Pandemie angepasst. Ob sich dadurch Klagen am Verfassungsgerichtshof erledigen, ist noch offen. Alle, die Blockflöten wählen, brauchen nicht wählen gehen - Kreuzchen für EinheitsparteiCSUbisSED wie immer automatisch

ZEIT ONLINE | Lesen Sie zeit.de mit Werbung oder imPUR-Abo. Sie haben die Wahl.Verstehe ich es richtig, dass es eine ähnliche Unterstützung ist, wie hier das Aufstocken? Also kein bedingungsloses Grundeinkommen. Und wir sollen das über die Coronahilfe der EU bezahlen, oder wie?! Dort gehen sie mit 55 in Rente und wir mit 70 in die Altersarmut.

Ladenburg: Vermächtnis von Carl Benz: Das ist die erste Auto-Garage der WeltCarl Benz (1844 - 1929) baute 1910 neben sein Wohnhaus und in Nähe seiner Fabrik die 1. Auto-Garage der Welt. Drei Männer bewahren sein Vermächtnis.

Schalke verliert die Europapokal-Plätze aus den AugenSchalke-Trainer David Wagner hat die Plätze für das internationale Geschäft vorerst abgehakt. Schalke hat am Mittwoch Abend nur noch zehn Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.

Antwort auf Anfrage der Grünen: Bundesregierung hat sich keine Impfstoff-Kontingente gesichertIn Berlin gibt es offenbar keine Bestrebungen, eine bevorzugte Behandlung Deutschlands mit Pharmakonzernen auszuhandeln. Ob deutsche Hersteller Kontingente an das Ausland verkauft haben, wusste das Forschungsministerium nicht. Die Grünen finden das „befremdlich“. fazbub Wäre auch das erste Mal, dass unser Gesundheitsminister irgendetwas pro-aktiv angeht. VersagerImAmt fazbub Warum auch, stattdessen steht ganz oben an, Wirtschaftskonzerne zu retten und da ordentlich reinzubuttern. fazbub Kann das die FAZ bei der nächsten BPK mal nachfragen, warum die Bundesregierung das nicht macht ?