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Gordon Riots: Als man in London Jagd auf Katholiken machte - WELT

Die „Gordon Riots“ brachten England an den Rand eines Umsturzes

02.06.2020 06:53:00

Die „Gordon Riots“ brachten England an den Rand eines Umsturzes

Nie stand England dem totalen Umsturz näher als bei den Gordon Riots 1780. Lord George Gordon war ein radikaler Protestant, der mit einer Petition gegen Katholiken mobil machte. Doch dann entglitten ihm die eigenen Leute.

Gordon bat trotzdem die Leute im Gebäude genau wie die rund 40.000 vor der Tür, ruhig nach Hause zu gehen. Doch das war nur ein frommer Wunsch: In dieser Nacht des 2. Juni 1780 wurden in London katholische Kirchen und Haushalte verwüstet oder sogar in Brand gesteckt, einschließlich der Kapelle der Bayerischen Gesandtschaft in der Warwick Street.

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In den Tagen darauf eskalierte die Lage weiter, ein Mob griff Institutionen an, die für Recht und Gesetz standen: Die Gefängnisse von Newgate und Fleet, die Bank of England und die Mautstationen an der Blackfriars Bridge. Im Urteil einiger britischer Historiker waren die Gordon Riots die Tage, in denen England einem Umsturz wie im Frankreich des Jahres 1789 am nächsten stand. Die Armee schritt erst am 7. Juni mit 12.000 Soldaten ein, sie brauchte zehn Tage, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen.

Anzeige Etwa 100 Häuser waren geplündert oder niedergebrannt worden, mehr als im Paris der Französischen Revolution. Der Schriftsteller Horace Walpole, Sohn des Premierministers Robert Walpole, notierte am 8. Juni, er habe schon einige brutale Aufstände erlebt: „Aber niemals habe ich vor gestern Nacht London und Southwark in Flammen gesehen.“

Unruhen von einer solchen Dimension haben immer Ursachen, die tiefer liegen, als es der unmittelbare Anlass erkennen lässt. Augenscheinlich ging es um den „Roman Catholic Relief Act“, der 1778 unter der Regierung Georgs III. verabschiedet worden war. Das Gesetz erlaubte englischen Katholiken, Land zu besitzen, zu erben und der Armee beizutreten. Das allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sie einen Eid gegen die Ansprüche der katholischen Stuarts auf den Thron und die Zivilgerichtsbarkeit des Papstes leisteten. Obwohl nur ein Prozent der Bevölkerung der Konfession anhing und auch mit dem Gesetz der Zugang zu vielen staatsbürgerlichen Rechten verwehrt blieb, war es dem Vorsitzenden der Protestantischen Gesellschaft Lord George Gordon nicht auszureden, dagegen mit einer Petition mobil zu machen.

Gordons Bemühungen fanden in einem innerlich zerrissenen England einen idealen Nährboden. Der Krieg gegen die aufständischen Siedler in Nordamerika entwickelte sich immer mehr zu einem Fiasko, erst 1779 waren im Süden viele Gebiete verloren gegangen. Auch im Land gärte es: Befürworter und Gegner des Krieges in Übersee standen sich unversöhnlich gegenüber, darüber hinaus gab es Streit darüber, ob der König zu viele oder zu wenige Rechte habe.

Lesen Sie auch Geschichts-Quiz 10 Fragen zum amerikanischen Weg in die Unabhängigkeit - was weißt du noch? Anzeige Noch dazu war Kanada 1776 an die britische Krone gefallen – dort lebten viele französischstämmige Katholiken, was eine Rolle dabei spielte, den Relief Act anzugehen. Die Tatsache, dass Katholiken in die Armee durften, hatte eine ironische Komponente: Britische Katholiken konnten so auf der anderen Seite des Ozeans amerikanische Protestanten bekämpfen.

Der Initiator der Petition war ein Eton-Schüler, der bei der Royal Navy gedient hatte. Seit 1774 war er Parlamentsabgeordneter. Je nach Sichtweise wird Gordon heute als Charismatiker oder Demagoge beschrieben. Der australische Historiker Iain McCalman urteilt, mit ihm habe Großbritannien „offenbar den ersten Mann des modernen Terrors hervorgebracht“. Fest steht, dass er über diejenigen, mit denen er zum Parlament zog, starken Einfluss ausübte, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Krawalle begannen. Der Marsch durch Westminster lief mit militärischer Präzision ab.

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Die Historikerin Catriona Kennedy von der York University macht auf einen interessanten Bruch während des Aufstands aufmerksam. In den ersten Nächten hätten die Angreifer planvoll gehandelt, ihre Ziele genau im Blick gehabt und mit großer Disziplin darauf geachtet, dass möglichst keine Menschen zu Schaden gekommen seien. Erst in den Tagen darauf, als das Heer der Aufständischen auf 100.000 Menschen angeschwollen sei, sei ein anderes Publikum dazugekommen. Das wiederum, so sagt der Literaturwissenschaftler Ian Haywood, sei teilweise kriminell und teilweise einfach auf Spektakel aus gewesen.

Anzeige Als Beleg für diese These zieht Haywood neben dem Brandanschlag auf das Newgate-Gefängnis vor allem den Angriff auf eine katholische Gin-Fabrik heran. Mit einer Feuerwehrpumpe holten die Aufständischen den ungereinigten Schnaps aus den Tanks: „Manche von ihnen tranken so viel, dass sie daran starben, verbrannten in der Ruine und wurden dann auch dort gleich beerdigt“, schrieb der Beobachter Thomas Holcroft. Charles Dickens, der die Gordon Riots 1841 in seinem Buch „Barnaby Rudge“ verarbeitete, kam zu dem Ergebnis, die Aufständischen hätten sich zum Ende hin selbst schneller zerstört, als es ihren Gegnern möglich gewesen wäre.

Ob diese Aussage haltbar ist, lässt sich nur schwer überprüfen. Die Bilanz fällt allemal hart aus: 285 Menschen waren getötet worden, 173 ernsthaft verletzt. Lord Gordon wurde als Anführer der gewalttätigen Ausschreitungen wegen Hochverrats angeklagt, jedoch später mit der Begründung freigesprochen, er habe keine verräterischen Absichten gehabt. Trotzdem sollte er nur noch wenig glückliche Momente erleben.

Der Erzbischof von Canterbury exkommunizierte ihn 1786 wegen Schmähungen. Gordon ging darauf nach Frankreich, wo er 1788 wegen eines Pamphlets gegen die Königin zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Er entzog sich dieser Strafe durch die Flucht nach Holland und soll hier Jude geworden sein. Später wurde er in Birmingham verhaftet und nach Newgate gebracht – das Gefängnis, das im Juni 1780 gebrannt hatte. Er starb am 1. November 1793.

Von Gordons Anhängern wurden 52 als Rädelsführer verurteilt, 25 zum Tode. Bereits am 15. Juni 1780 hatte Horace Walpole an seinen Freund Reverend Mr Cole geschrieben: „Ich kann Ihnen wenig über die Ursprünge dieser schockierenden Sache sagen: Aber Vernachlässigung war sicher ihr Kindermädchen und Religion nur ihre Patin.“ Dem lässt sich auch im Nachhinein nur wenig hinzufügen. Außer vielleicht, dass es den Briten wieder einmal gelungen war, den ganz großen Umsturz abzuwenden.

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