Zürich als «Venedig Zentraleuropas»

Einst gab es ernsthafte Bestrebungen, den Schanzengraben durchgängig schiffbar zu machen.

18.9.2019

Statt zu einer Wasserstrasse ist der Schanzengraben zur Fussgängerpromenade geworden –und das ist gut so. (Abo+)

Einst gab es ernsthafte Bestrebungen, den Schanzengraben durchgängig schiffbar zu machen.

Die Promotoren sprachen von einer «bleibenden Attraktion unserer Stadt». Die Schiffe wollten sie, zumindest in den ersten Jahren, auf eigene Rechnung betreiben, wobei ein konzessionierter Vermieter Ruder- und Motorbootfahrten anbieten sollte.

Anfang 1957 erhielt die Forderung nach einer Schiffbarmachung des Schanzengrabens weiteren Auftrieb. Ein Gemeinderat der Unabhängigen reichte im Stadtparlament einen Vorstoss ein mit der Aufforderung an den Stadtrat, so rasch wie möglich ein entsprechendes Projekt auszuarbeiten. Die Stadtregierung gab sich zurückhaltend. Abklärungen hätten ergeben, die Verwirklichung dieses Wunsches sei «mit technischen und finanziellen Schwierigkeiten verbunden». Zwei Brücken hätten eine zu geringe Durchfahrtshöhe, zudem stehe die Badeanstalt am Schanzengraben der Schifffahrt im Wege, wobei allerdings deren Neugestaltung geplant sei..

Die Schifffahrtsfreunde liessen nicht locker, zumal sie die technischen Hindernisse für keineswegs unüberwindbar hielten: Der Wasserspiegel müsste durch ein kleines Wehr aufgestaut werden, und die alte Badeanstalt sei ohnehin baufällig und werde nur mehr wenig besucht. Die Probleme mit den Brücken seien ebenfalls lösbar, schrieb auch die NZZ: «Wenn sich die Touristen bei der Einfahrt zur Blauen Grotte in Capri platt auf den Bauch legen müssen, werden sie sich für das Vergnügen einer Fahrt auf dem Zürcher Schifflibach auch ein wenig bücken.»

Prompt reagierte auch die Politik. 1960 überwies das ­Stadtparlament einen Vorstoss der Sozialdemokraten mit der Forderung an die Stadt, «die Schiffbarmachung des ganzen Schanzengrabens anzustreben und dem Gemeinderat ein Projekt vorzulegen, damit Schiffrundfahrten Limmat–Zürichseebecken–Schanzengraben verwirklicht werden könnten». Der Stadtrat war zwar zu Entgegennahme bereit, doch im Parlament wurde auch auf Probleme hingewiesen, «die weder technisch noch kostenmässig leicht zu nehmen sind».

Daneben geisterten noch andere Pläne für den Schanzengraben durch die Zürcher Politik. So etwa jene für eine Zuschüttung des Wasserlaufs mit dem Ziel, eine Autostrasse zu bauen. Bereits in den 1910er-Jahren hatten Städteplaner diese brachiale Idee lanciert. In einer ETH-Studie zum Städtebau im Zürich der 1910er-Jahre bringen David Brunner und Deborah Fehlmann die Zuschüttung des Schanzengrabens in Verbindung mit weiteren Grossvorhaben wie der Trockenlegung des Sihlbettes, der Verlegung des Hauptbahnhofes oder dem Zähringerdurchbruch. Alle diese Pläne standen in erster Linie im Interesse des Verkehrs, so die Autoren. Über eine Schanzengrabenstrasse dachte man in der Stadtverwaltung noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts nach. Dann setzte sich definitiv die Meinung durch, sie sei unnötig und unwirtschaftlich. 1957 bekräftigte der Stadtrat, dass der Schanzengraben nicht zur Strasse werden, sondern als Wasserlauf erhalten werden soll.

Heute scheint niemand mehr der gescheiterten Schiffsverbindung nachzutrauern. Zürichs Tiefbauvorsteher Richard Wolff (AL) erklärt auf Anfrage: «Dass keine Schiffe im Schanzengraben fahren, ist im aktuellen Verkehrssystem kein Mangel. Auch touristisch ist das Limmatschiff interessanter.» Er sei froh, dass der Schanzengraben als Fussgängerverbindung, Naherholungsraum, Naturraum und lokaler Klimakühler diene. Es sei fraglich, ob er diese Qualitäten hätte, wenn er zur Schiffsverbindung umgebaut worden wäre.

Weiterlesen: Tages-Anzeiger

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