Früher: Alle Reden Mit, Er Entscheidet. Heute: Alle Reden Mit

Vom Intendanten-Karussell zur Intendanten-Jagd

Wer heute ein deutsches Theater führt, kann sich leicht die Finger verbrennen. Die Autorität weisser Männer erweist sich als Fallstrick. Und die Öffentlichkeit begeistert sich an Skandalen.

06.05.2021 21:00:00
Früher: Alle Reden Mit, Er Entscheidet. Heute: Alle Reden Mit, Er Geht. So Schwindet Die Macht Des Intendanten, Feuilleton, Nachrichten

Wer heute ein deutsches Theater führt, kann sich leicht die Finger verbrennen. Die Autorität weisser Männer erweist sich als Fallstrick. Und die Öffentlichkeit begeistert sich an Skandalen. Ein Beitrag von NZZfeuilleton.

Wer heute ein deutsches Theater führt, kann sich leicht die Finger verbrennen. Die Autorität weisser Männer erweist sich als Fallstrick. Und die Öffentlichkeit begeistert sich an Skandalen.

TeilenDer Theaterintendant Leopold Jessner forderte schon vor hundert Jahren mehr Diversität im Ensemble (hier ein Bild aus Jessners «Hamlet», 1926 am Schauspielhaus Berlin).Zander & LabischAuf dem Rummelplatz der Kultur gibt es eine neue Attraktion. Was früher das Intendanten-Karussell war, das sich vornehmlich um weisse Männer drehte, die bald auf-, bald absprangen, ist heute die Intendanten-Jagd. Dabei dürfen ebendiese Herren nun sogar abgeschossen werden.

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Während man ehedem nur zuschauen konnte, wie die Pfründe auf dem sich hurtig drehenden Theater-Ringelspiel bestimmt, verschachert und eingenommen wurde, kann sich jetzt jeder an der fröhlichen Hatz beteiligen. Ein paar Schuss hat frei, wer auch nur irgendwann mal ein Schauspielhaus von innen gesehen hat oder auf einer Bühne stand.

Ein ehedem ehrenvoller Beruf ist in Verruf geraten. Wer heute ein Theater leitet, steht generell unter dem Verdacht, unendlich viel Macht zu haben und sie nach Gutsherrenart auszuüben. Wenn irgendetwas an einer Bühne schiefläuft, wird es dem Intendanten angelastet, der seine Aufsichtspflicht vernachlässigt hat, der immer noch Zustände aus alten Feudalherrschaftszeiten zulässt und sie anscheinend auch noch geniesst. headtopics.com

Autorität und DiskriminierungNur die Abschaffung hierarchischer Strukturen, die Besetzung der obersten Posten mit – so die Forderungen – vornehmlich Frauen oder Kollektiven, in denen die Beachtung von Diversität das höchste Prinzip ist, könnte unsere Schauspiel- und Opernhäuser noch retten. Das Theater leidet an seiner Leitung.

Dabei geht es nicht um Inhalte, nicht um Spielpläne oder künstlerische Angelegenheiten; es geht allein um ganz weltliche, gesellschaftliche Schieflagen: um unbeirrt ausgeübte Autorität, sexuelle Übergriffe, Diskriminierung von Menschen anderer Hautfarbe. Aus solchen Gründen mussten jüngst der Karlsruher Intendant Peter Spuhler und der Berliner Leiter der Volksbühne Klaus Dörr den Hut nehmen.

Und gerade stehen Wilfried Schulz in Düsseldorf und Shermin Langhoff vom Berliner Gorki-Theater in der Schusslinie. Ihnen wird in öffentlichen, langwierigen Diskussionen oder noch hinter verschlossenen Türen von Untersuchungsgremien zur Last gelegt, dass sie unhaltbare Zustände an ihren Häusern entweder zugelassen haben oder selber ihre Mitarbeiter dirigierten und drangsalierten.

An vielen Anschuldigungen ist etwas dran, das haben die getretenen Betroffenen dann sogar zerknirscht zugegeben. Es gibt aber auch Vorverurteilungen und laute Rufe nach Absetzung, derweil die Fälle in persönlichen Gesprächen gerade noch geprüft werden. Aber schnell ist die Meinung von gestern nichts mehr wert. headtopics.com

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Keine KindergärtnerSo wurden die Herren Dörr und Schulz etwa bei Antritt ihrer Posten noch einhellig bejubelt als Retter maroder Häuser. Doch das fällt nun gar nicht mehr ins Gewicht. Mittlerweile genügen unschöne Vorfälle im Alltag bei Proben und unterschiedliche Ansichten über zwischenmenschliche Beziehungen, um betreffenden Personen ganz generell einen bedenklichen Führungsstil zu unterstellen.

Dass ein Intendant kein Kindergärtner ist, der mit netten Worten seine Bande zusammenhält, dürfte klar sein. Schon die ersten dieses Berufsstandes muss man sich nicht unbedingt als zugänglich und volksnah denken. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem feudalen französischen Verwaltungssystem und wurde übernommen für diejenigen, denen man im 18. Jahrhundert die Leitung der Theater an adligen Höfen übertrug. Zunächst nur rein administrativ tätig, zogen sie mit der Zeit immer mehr künstlerische Kompetenzen an sich.

Nebenbei entwickelte sich auch eine städtische Theaterkultur, und der Intendant des beginnenden 20. Jahrhunderts sah sich nun in der Rolle des sowohl künstlerischen als auch verwaltungstechnischen Beamten. Sein Ansehen fusste also auf der Fähigkeit, einen mittelständischen oder grossen Betrieb mit ganz unterschiedlichen Beschäftigten (vom Bühnenarbeiter bis zum Schauspieler) organisatorisch im Griff zu haben. Gleichzeitig aber war es sein Bestreben, seinem Haus ein unverwechselbares kulturelles Gesicht zu geben, was er mit der Auswahl der Schauspieler und Stücke erreichte und oft auch, indem er selber als Regisseur tätig wurde.

Wandelnde FunktionIn seinen 1925 verfassten Gedanken über die «Physiognomie des Theaterleiters» schrieb der Regisseur Leopold Jessner bereits höchst vernünftig, das Berufsbild der «Theatermänner» (hier wäre er freilich heute gehörig angeeckt!) habe sich gewandelt. Der Intendant sei nicht mehr jener absolutistische Autokrat, vielmehr «ein Primus inter pares», das «Haupt einer Gemeinschaft, in der sich jeder einzelne zu individueller Freiheit emanzipieren darf». Der Unterschied dieses neuen Typs zu dem alten beruhe hauptsächlich in der Fähigkeit, «seinen Willen nicht aus machtfühlendem Eigensinn seinen Mitarbeitern aufzuzwingen, sondern aus einer Erkenntnis wachsen zu lassen, die auch der letzte dieser Mitarbeiter als die richtige akzeptiere». headtopics.com

Und vor hundert Jahren monierte Leopold Jessner, damals Intendant der Staatlichen Bühnen Berlin, die Mitarbeiterschaft des Hauses sei zu homogen. Was der Intendant damals wollte, die Mitwirkung etwa von Frauen oder ausländischen Künstlern an Entscheidungsprozessen, deckt sich durchaus mit den heutigen Forderungen nach Diversität. Angefeindet wurde Jessner ob solcher Äusserungen naturgemäss von antisemitischer und nationalistischer Seite heftigst.

Es gab dann in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Versuche, auch grosse bürgerliche Häuser im Kollektiv zu leiten, etwa in Frankfurt oder am Halleschen Ufer in Berlin. Sie scheiterten mehr oder weniger, wie der Theaterwissenschafter und Autor Jürgen Hofmann bereits 1981 schrieb. Nach seinen Beobachtungen stiessen die Wünsche der Theaterschaffenden auf die von den Bühnenleitungen vertretene und der Praxis entsprechende Position, wonach sich Theater künstlerischer Bestimmung durch Mehrheitsentscheidungen prinzipiell verweigern müsse. Allerdings vollziehe sich die Arbeit immer schon kollektiv-kollegial, ohne dazu einer rechtlichen Forderung zu bedürfen.

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Selbst Peter Zadek, der in Bochum «einen grossen Rat» um sich scharte, bestehend aus über zwanzig Leuten, die auf dem Boden seines Büros herumsassen und über ihr Metier diskutierten, setzte ganz klare hierarchische Grenzen: «Ich wollte ein Theater, in dem viele Leute ihre Meinung sagten und ihre Ideen einbrachten, ich aber die zentralen Entscheidungen selber traf.» Ein Theater, das den seinerzeit als wahren Guru gehandelten Zadek interessierte, dessen künstlerische Qualitäten und despotischen Ausfälle gleichermassen ausser Frage standen, musste allein nach seinem Geschmack arbeiten: «Sonst ist es nicht meines.»

Die Lust der EmpörungZadek wäre heute ein Buhmann wie seine heutigen Kollegen: Der Intendant bleibt ein suspektes Objekt, das man zu fürchten hat oder belächelt, das man hofiert, wenn der künstlerische Glanz einer Bühne erstrahlt, oder für alles verantwortlich macht, was sich in aufgeheizten Probensituationen oder Kantinen ereignet. Das Bestreben, die alten Machtstrukturen aufzubrechen und abzuschaffen, ist daher alles andere als neu.

Noch nie aber ging mit ihm solch eine rein personenbezogene Diskussion einher. Und noch nie wurden allenthalben bestehende Konflikte derart, wie die «Süddeutsche Zeitung» kürzlich schrieb, «im stets hohen Ton der Empörung» ausgetragen, was dann zum Halali auf einen ganzen Berufsstand führt, der wohl gerade zu dem am miesesten beleumundeten gehört.

Leopold Jessner sagte schon 1927 warnend: Ein Theaterleiter, in dem nicht der Funken des Ordnungstalents eines Verkehrspolizisten stecke – «mit erhobener Hand und wehenden Armen» –, der werde mit Entgleisungen, Krawallen und einem chaotischen Durcheinander zu kämpfen haben. «Zugleich aber wird er darauf bedacht sein müssen, dass er nicht eines Tages durch farbige Signale ersetzt werden und verschwinden kann.»

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