Verweilen: Wenn wir ganz bei uns sind, sind wir selbstbestimmt

Selbstbestimmt Leben Heisst Auch – Verweilen. Doch Dafür Glaubt Niemand Mehr Zeit Zu Haben, Feuilleton, Nachrichten

Wann sind wir ganz bei uns? Vielleicht, wenn wir ein Bild betrachten und alles um uns herum vergessen. Das ist keine Flucht, im Gegenteil: Es ist bewusstes Leben.

Selbstbestimmt Leben Heisst Auch – Verweilen. Doch Dafür Glaubt Niemand Mehr Zeit Zu Haben, Feuilleton

26.2.2020

Wann sind wir ganz bei uns? Vielleicht, wenn wir ein Bild betrachten und alles um uns herum vergessen. Das ist keine Flucht, im Gegenteil: Es ist bewusstes Leben.

Wann sind wir ganz bei uns? Vielleicht, wenn wir ein Bild betrachten und alles um uns herum vergessen. Das ist keine Flucht, im Gegenteil: Es ist bewusstes Leben.

Drucken Teilen Ein Spaltbreit steht die Tür offen, ein Sonnenstrahl dringt ins Haus: vielleicht ein perfekter Augenblick. Rainer F. Steussloff / Intro Das ist fein: ein Buch über etwas, was wir mögen, aber kaum noch tun – vielleicht auch gar nicht mehr können: verweilen. Das Wort klingt wie aus einer vergangenen Zeit. Wer hat vor lauter Beschäftigung noch Zeit, die Zeit einfach verstreichen zu lassen, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, ohne Ziel, ohne Anspruch? Verweilen, schreibt Dirk Westerkamp, der Philosophieprofessor an der Universität Kiel, sei «die Zeit, die Zeit hat», weil das Verweilen «ihre Herrschaft vergisst». Das klingt nach Adorno. Aus der «Ästhetischen Theorie» zitiert Westerkamp auch: «Widerstand gegen das Mitspielen». Ein Spielverderber ist er allerdings nicht. Beschäftigung, Produktivität, Verpflichtungen – all das muss sein. Trotzdem könnte etwas mehr Zeit sein: zum Verweilen. In dem Zitat von der «Zeit, die Zeit hat», ist der Aspekt des «Vergessens» interessant. Der Verweilende vergisst, was um ihn herum geschieht, gibt sich einem Eindruck hin, vielleicht einem Kunstwerk, einem schönen Gegenstand oder einem Geschehen. Verweilen ist Loslassen, Abkehr von dem Einem und Hinwendung zu einem Anderen. Man kann auch vor einem Küchenschrank verweilen. Oder vor einem Bücherregal, sofern der Anblick kein Gefühl der Unruhe auslöst, weil ein Grossteil der Bücher noch ungelesen ist. Nichtwahrnehmen Verweilen nennt der Philosoph aus dem hohen Norden Deutschlands auch «beobachtungsvergessenes Besinnen». Man schaut durch die Dinge, durch Personen hindurch. Verweilen ist Nichtwahrnehmen. Käseglocke. Gedanken nachhängen. In seinem neuen Roman «Das Gewicht der Worte» schildert Pascal Mercier das Ende eines Theaterstücks. Der Vorhang fällt. Man möchte verweilen, sich den Eindrücken hingeben. Aber das Publikum – es applaudiert. Einige stehen auf, um ja die Ersten an der Garderobe zu sein. Verweilen, um sich hinzugeben – darum geht es Westerkamp. Verweilen ruft neue Bilder hervor. Wenn es kein Verweilen gibt, lassen sich keine neuen Gedanken ausmalen. Die Phantasie trocknet aus. Westerkamp schreibt übers Verweilen im Imperfekt. «Das moderne Zeitmanagement sucht alle Lücken im Tagesablauf und Terminkalender zu stopfen.» Der Primat der Arbeit «kolonialisiert» die Kontemplation. Ein wenig zieht er sich selbst den Boden unter den Füssen weg. Denn er behauptet: Das Vermögen zum Verweilen ist den Menschen überhaupt abhandengekommen, wie wir auch «die schönen Momente im Konzert kaum noch irreflexiv erfahren, sondern abfilmen, um sie für eine spätere Nachschau festzuhalten». Flächen, Formen, Schattierungen Die kulturkritischen Stellen sind Hinweise, worauf Westerkamps Theorie der Imagination, der Kontemplation, der «radikalen Einbildungskraft» zielt. Am Beispiel der modernen, ungegenständlichen Kunst zeigt er, wie der Impuls zum Verweilen aktiviert wird. Es ist ein bestimmtes Zusammenspiel von Farben und Formen, von Flächen und deren Schattierungen, das besonders zum Verweilen einlädt. Er führt Werke von Mondrian und Kandinsky, von Malewitsch oder Rothko an. Damit ist nicht gesagt, dass gegenständliche Kunst die Sinne nicht auch zum Verweilen verführen könnte. Aber die abstrakte Kunst scheint doch besser geeignet zu sein. Weil sie nicht dazu verleitet, beobachten und erkennen zu wollen. Weil sie etwas zeigt, was nicht bereits gegeben ist. Genau das weckt unsere Einbildungskraft. Und schafft damit einen der Orte und Gelegenheiten, die dazu angetan sind, dem alltäglichen Trott zu entfliehen, sich zu besinnen, Neues zu entdecken. Verweilen, das ist die Botschaft dieses Buchs, das zum lesenden Verweilen verführt, kann dazu beitragen, ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Dirk Westerkamp: Ästhetisches Verweilen. Mohr Siebeck, Tübingen 2019. 173 S., Fr. 79.90. Mehr zum Thema Auf seinen Expeditionen sah sich der norwegische Abenteurer Erling Kagge immer wieder mit der Stille konfrontiert. In 33 Fragmenten versucht er nun, ihr Wesen einzufangen. Caroline Fink Weiterlesen: Neue Zürcher Zeitung

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