Sind Dicke gemütlich?

Wie beeinflussen das Aussehen, das Alter oder die ­Erziehung die Persönlichkeit? Neun überraschende Antworten und ein bisschen Lebenshilfe.

8.10.2019

Wie beeinflussen das Aussehen, das Alter oder die ­Erziehung die Persönlichkeit? Neun überraschende Antworten und ein bisschen Lebenshilfe aus dem aktuellen nzzfolio:

Wie beeinflussen das Aussehen, das Alter oder die ­Erziehung die Persönlichkeit? Neun überraschende Antworten und ein bisschen Lebenshilfe.

Wie zufrieden sind wir mit unserer Persönlichkeit? Wissenschaftliche Studien kommen zu einem ernüchternden Resultat: Fast alle möchten anders sein.

Nathan Hudson und Chris Fraley von der University of Illinois wollten die Sache noch ein wenig genauer wissen: War diese Unzufriedenheit mit dem eigenen Charakter vielleicht nur ein besonderes Phänomen unter spätpubertären Erstsemestrigen? Die beiden Forscher sammelten Persönlichkeitsdaten von 6800 Erwachsenen im Alter von 18 bis 70 Jahren. Tatsächlich nahm der Wunsch nach Selbstoptimierung mit zunehmendem Lebensalter ab – doch der Effekt fiel deutlich schwächer aus, als die Psychologen vermutet hatten. Im Rentenalter gaben immerhin noch 78 Prozent der Teilnehmer an, ihre Persönlichkeitswerte in allen fünf Dimensionen verbessern zu wollen. Fazit: Fast jeder Mensch wäre gerne umgänglicher, ordentlicher, gesprächiger, emotional stabiler und neugieriger. Wer das Gefühl hat, für die Welt nicht gut genug zu sein, befindet sich damit also in allerbester Gesellschaft.

Bereits im 18.Jahrhundert wollte der Schweizer Philosoph Johann Caspar Lavater aus den Gesichtszügen und dem Körperbau von Menschen auf ihre inneren Qualitäten schliessen. Zweihundert Jahre später entwickelte der deutsche Psychiater Ernst Kretschmer eine «Typenlehre»: Die Dicken sind demnach gemütlich, die Sportler forsch, die Dünnen sensibel und schwierig. Ende der 1920er Jahre hätte Kretschmer dafür beinahe den Nobelpreis bekommen. Dass er – zumindest teilweise – gemeinsame Sache mit den Nazis machte, schadete zwar nicht seiner Karriere, wohl aber seinen Theorien.

Vielleicht bekommen die schönen Kinder schon früh im Leben mehr Aufmerksamkeit von ihren Mitmenschen, was ein besonders offenes Verhalten fördert. Womöglich liegt es aber auch an der Evolution: Attraktive Menschen erhöhen ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt, wenn sie zusätzlich noch gerne im Mittelpunkt stehen – die beide Anlagen helfen einander in der Lotterie der Gene. Die dritte Erklärung: Extravertierte Menschen sind einfach ein bisschen eitler als die anderen und putzen sich entsprechend heraus. Was sie attraktiver macht, ist ein Mix aus Frisur, Fitness, Designerbrille und Make-up.

Gleichwohl hat sein US-Kollege Brent Roberts unlängst einen Versuch unternommen, den Einfluss des Erziehungsstils auf die Persönlichkeit der Kinder neu zu vermessen. Laut seiner Analyse liegt der Einfluss des Erziehungsstils auf den Charakter der Kinder bei nicht einmal zwei Prozent. Das ist viel weniger, als Roberts und seine Kollegen vermutet hatten. «Wir stehen vor einem Rätsel», sagt Roberts. Daraus lernen wir drei Dinge. Erstens: Die Psychologen wissen es auch nicht so genau. Zweitens: Der Einfluss der Erziehung auf die Persönlichkeit der Kinder ist schwächer, als die meisten Eltern glauben. Drittens: Trotzdem sollten Mütter und Väter Extremverhalten meiden. Denn dass Vernachlässigung und Missbrauch Kindern schaden, das steht nach wie vor ausser Frage.

Aber man kann auch einen anderen Blick auf Menschen werfen: Urs ist weniger ordentlich als seine Lebensgefährtin Anna. Das ist zu Hause so, im Urlaub und bei der Arbeit – der Unterschied zwischen den beiden bleibt fast überall gleich. Persönlichkeit ist also eine recht konstante Sache. Doch was ist wichtiger – Charakter oder Kontext? Darüber tobt seit den 1960er Jahren ein heftiger Streit innerhalb der Wissenschaft. «Eine verblüffend grosse Anzahl an Forschern scheint sowohl privat als auch beruflich der Meinung anzuhängen, dass entweder die Situation oder die Persönlichkeit den stärkeren Einfluss auf unser Verhalten zeitigt», schreiben die beiden US-Psychologen R.Michael Furr und David C.Funder. Inzwischen haben sich die meisten Fachleute jedoch auf einen Kompromiss geeinigt: Unser Verhalten ist stets ein Mix aus beidem. Jeder, so ein klassisches Beispiel von Furr und Funder, reagiert mürrisch, wenn er im Job einem Streithammel begegnet. Umgängliche Menschen tun das aber sanfter als andere. Wir scheinen von Situation zu Situation jeweils ein anderer Mensch zu sein, dennoch bleibt unsere Persönlichkeit stabil.

Wer mit 18 eine Plaudertasche ist, wird auch beim Klassentreffen der 70jährigen viel reden. In der Psychologie nennt man diesen Umstand die «Rang­ordnungsstabilität». Entdeckt hat man sie, indem man Eigenschaften von Gleichaltrigen alle paar Jahre in einer Rangliste festhielt. Wer ist besonders scheu? Wer vorlaut? Das Ergebnis: Viele dieser Tabellen bleiben über Jahrzehnte stabil. So gesehen behalten wir Teile unserer Persönlichkeit ein Leben lang.

Neben besonderen Einzelereignissen formt uns aber auch das Leben selbst. Mit 40 sind wir emotional viel stabiler als mit 20. Zudem kommt es bei den meisten zu einem Zuwachs an sozialer Dominanz. Sie treten mit den Jahren selbstbewusster auf und verlieren ihre Scheu vor Fremden. Auch die Gewissenhaftigkeit steigt erheblich zwischen 20 und 40. Die meisten Menschen werden mit dem Alter verträglicher, sie begegnen ihren Mitmenschen auf einmal freundlicher und gelassener.

«Du bleibst doch immer, was du bist», liess Goethe seinen Mephisto klagen. Er glaubte offenbar nicht daran, dass wir gegen unseren Charakter viel ausrichten können. Psychologen haben erst vor wenigen Jahren damit begonnen, genau zu erforschen, wie wir unsere Persönlichkeit verändern können. Die mit Abstand erfolgreichste Untersuchung in diesem Feld stammt aus der Feder von Brent Roberts von der University of Illinois, einem der einflussreichsten Persönlichkeitsforscher der Welt.

Um uns neu zu erfinden, fehlt den Fachleuten das nötige Werkzeug. Dazu kommt, dass einige der erzielten Veränderungen – anders als in Roberts Untersuchung – nach einigen Monaten schon nicht mehr nachweisbar waren. Mehr noch: In einigen Studien kam es gar zu einem Bumerangeffekt: Wer etwa versuchte, sich zu mehr Fleiss zu erziehen, und die Intervention unterwegs abbrach, verschlechterte dabei seine Persönlichkeitswerte.

Manche Menschen haben es einfacher, eine glückliche Beziehung zu führen, als andere. Wer viel mit Leuten redet, fleissig und ordentlich ist, gerne mit anderen teilt, sich ungern streitet und emotional stabil ist, hat gute Chancen, zufrieden mit seiner Beziehung zu sein. Das klingt banal, bestätigt aber zugleich eine alte Grönemeyer-Weisheit: Das Leben ist nicht fair. Die Introvertierten, die Chaoten, die Konfliktfreudigen und vor allem die Neurotiker haben es messbar schwerer mit der Liebe.

Aber was weiss die akademische Forschung zur Frage, wer zu wem passt? Der kanadische Persönlichkeitsforscher Jordan Peterson gesteht in seiner Vorlesung: Eine wirkliche Antwort hat die Psychologie bisher nicht gefunden. «Was man aber auf keinen Fall haben will, sind sehr grosse Unterschiede auf den grossen fünf Dimensionen der Persönlichkeit.» Denn die grossen Charakterunterschiede werden mit der Zeit zu einer «chronischen Konfliktquelle». Gegensätze mögen einander anziehen, ein gutes Rezept für eine langfristige und harmonische Beziehung sind sie nicht.

Ein Einzelkind zu sein, das sei nichts anderes als «eine Krankheit», so polterte einst G. Stanley Hall, ein amerikanischer Kollege und Zeitgenosse Sigmund Freuds. Heute weiss man: Das Klischee vom verwöhnten und selbstbezogenen Einzelgänger ist übertrieben. Bereits in den späten 1980er Jahren kamen Studien zum Ergebnis, dass Einzelkinder sich in ihrer Entwicklung «nicht von Erstgeborenen oder anderen Kindern aus kleinen Familien unterscheiden». Womöglich gibt es Ausnahmen. Manche Studien entdeckten zum Beispiel, dass Einzelkinder im Durchschnitt etwas ehrgeiziger sind als ihre Altersgenossen. In China, wo wegen der Einkindpolitik viele Einzelkinder leben, fanden Forscher eine signifikant niedrigere Verträglichkeit bei den Geschwisterlosen. Fraglich bleibt, ob sich dieses Ergebnis auf westliche Gesellschaften übertragen lasse.

Die bisher wichtigste Studie zum Thema Geschwisterfolge und Persönlichkeit stammt jedoch von Forschern aus Leipzig und Mainz. Sie untersuchten mehr als 20000 Persönlichkeitsprofile aus den USA, Grossbritannien und Deutschland. Das Resultat: Die Geschwisterfolge hat keine allgemeine Auswirkung auf unseren Charakter. Die meisten Persönlichkeits­psychologen würde diese Aussage als den derzeitigen Stand der Forschung bezeichnen. Die Mär vom typischen Charakter älterer oder jüngerer Geschwister gilt vielen deshalb als eine «Zombie-Theorie»: Eigentlich längst gestorben – aber trotzdem nur schwer tot­zukriegen.

Dieser «Set-Point» des subjektiven Wohlbefindens hängt in der Tat ziemlich eng mit unserer Persönlichkeit zusammen. Hohe Werte in emotionaler Stabilität, Extravertiertheit und Gewissenhaftigkeit machen es erheblich wahrscheinlicher, dass man zufrieden mit seinem Leben ist. In den 1990er Jahren schlossen die Verhaltensgenetiker David Lykken und Anton Tellegen aus Zwillingsstudien, dass unser Glücksempfinden zu 50 bis 80 Prozent angeboren ist. «Womöglich», so ihr Fazit, «ist das Streben nach mehr Glück so fruchtlos wie der Wunsch, seine Körpergrösse zu steigern.»

Jochen Metzger ist freier Journalist. Er lebt in Hamburg und den USA.

Weiterlesen: Neue Zürcher Zeitung

Wie gross sind Gretas Chancen auf den Nobelpreis?Greta Thunberg gilt in diesem Jahr als Favoritin für den Friedensnobelpreis. Manches spricht jedoch gegen die 16-jährige Schwedin. Ich habe als Kindergärtner regelmäßig die Friedenspfeife geraucht mit allen und trotzdem keinen Friedensnobelpreis erhalten. Ich wäre der jüngste Preisträger gewesen. So bescheißt einem das Leben... 😭

Warum Optimisten seltener krank sindOb wir zufrieden sind mit unserem Leben, können wir selbst beeinflussen, sagt Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello.

Seferovic und Bachmann sind die Schweizer Fussballer des Jahres 2019Ramona Bachmann und Haris Seferovic haben an den Swiss Football Awards 2019 in Lausanne die Preise in den beiden Hauptkategorien entgegennehmen dürfen. …

Der «Gault-Millau»-Guide ist da: Das sind die besten Restaurants der SchweizAm Montagmittag veröffentlichte Gault-Millau seinen Gourmetführer für das Jahr 2020. Rund 870 Restaurants schafften es landesweit in den Guide, wo auch der Titel Koch/Köchin des Jahres vergeben wurde.

Schon wieder eine Panne: So (un)pünktlich sind die SBB auf der Bahn-2000-ParadestreckeWegen eines Gleisschadens ist die Neubaustrecke zwischen Bern und Olten erneut gesperrt. Die Verspätungen liegen ausgerechnet auf der Hauptroute weit über dem von den SBB angepeilten Wert, die eine watson-Datenauswertung zeigt. Das hat Folgen.

Gemütlich statt wild: So verbrachte Putin seinen Geburtstag - BlickDer russische Präsident Wladimir Putin ist am Montag 67 Jahre alt geworden. Den Geburtstag verbrachte er in der Natur, schwang sich aber für einmal nicht aufs Ross. Er ging es gemütlicher an.

Schreibe Kommentar

Thank you for your comment.
Please try again later.

Neuesten Nachrichten

Nachrichten

08 Oktober 2019, Dienstag Nachrichten

Vorherige nachrichten

So verdienten sich die Schweizer den Nobelpreis für Physik 2019

Nächste nachrichten

SP gegen SP – als die Partei knapp an einer Spaltung vorbeischrammte | NZZ
Vorherige nachrichten Nächste nachrichten