Sind Dicke gemütlich?

Wie beeinflussen das Aussehen, das Alter oder die ­Erziehung die Persönlichkeit? Neun überraschende Antworten und ein bisschen Lebenshilfe.

08.10.2019 20:00:00

Wie beeinflussen das Aussehen, das Alter oder die ­Erziehung die Persönlichkeit? Neun überraschende Antworten und ein bisschen Lebenshilfe aus dem aktuellen nzzfolio:

Wie beeinflussen das Aussehen, das Alter oder die ­Erziehung die Persönlichkeit? Neun überraschende Antworten und ein bisschen Lebenshilfe.

© Stephan SchmitzWollen wir jemand anders sein?Wie zufrieden sind wir mit unserer Persönlichkeit? Wissenschaftliche Studien kommen zu einem ernüchternden Resultat: Fast alle möchten anders sein.In der Forschung wird die Persönlichkeit mittels fünf Eigenschaften beschrieben, den Big Five: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extravertiertheit, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Jeder dieser Eigenschaften lässt sich ein statistischer Wert zuordnen; die Kombination aus diesen fünf Werten ergibt unsere derzeitige Persönlichkeit, es handelt sich gewissermassen um die geheime Zahlenkombination zum Tresor unserer Seele.

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In einer Studie mit amerikanischen Studenten wünschten sich 87 Prozent der Teilnehmer einen besseren Wert in allen fünf Persönlichkeitsdimensionen. Die beliebteste Eigenschaft war die Gewissenhaftigkeit: 97 Prozent – also fast alle Teilnehmer – gaben an, dass sie gerne ordentlicher, disziplinierter und fleissiger wären.

Nathan Hudson und Chris Fraley von der University of Illinois wollten die Sache noch ein wenig genauer wissen: War diese Unzufriedenheit mit dem eigenen Charakter vielleicht nur ein besonderes Phänomen unter spätpubertären Erstsemestrigen? Die beiden Forscher sammelten Persönlichkeitsdaten von 6800 Erwachsenen im Alter von 18 bis 70 Jahren. Tatsächlich nahm der Wunsch nach Selbstoptimierung mit zunehmendem Lebensalter ab – doch der Effekt fiel deutlich schwächer aus, als die Psychologen vermutet hatten. Im Rentenalter gaben immerhin noch 78 Prozent der Teilnehmer an, ihre Persönlichkeitswerte in allen fünf Dimensionen verbessern zu wollen. Fazit: Fast jeder Mensch wäre gerne umgänglicher, ordentlicher, gesprächiger, emotional stabiler und neugieriger. Wer das Gefühl hat, für die Welt nicht gut genug zu sein, befindet sich damit also in allerbester Gesellschaft.

Machen Pfunde zufrieden?Wer behauptet, die Dicken seien besonders gemütlich, macht sich natürlich lächerlich. Mit ein bisschen gutem Willen entdeckt man dennoch einen Funken Wahrheit im Klischee. Denn in der Tat kennt die Forschung einen Zusammenhang zwischen Körpergrösse, Gewicht und Persönlichkeit. Es ist zum ­Beispiel belegt, dass Gewissenhaftigkeit – also die Neigung zu Ordnung und Selbstdisziplin – auf Dauer vor Übergewicht schützt. Das Zerrbild vom lebensfrohen Dicken wird also wahr durch sein Gegenbild: Beim besonders Mageren hat man es oft mit einem gestrengen Asketen zu tun.

Bereits im 18.Jahrhundert wollte der Schweizer Philosoph Johann Caspar Lavater aus den Gesichtszügen und dem Körperbau von Menschen auf ihre inneren Qualitäten schliessen. Zweihundert Jahre später entwickelte der deutsche Psychiater Ernst Kretschmer eine «Typenlehre»: Die Dicken sind demnach gemütlich, die Sportler forsch, die Dünnen sensibel und schwierig. Ende der 1920er Jahre hätte Kretschmer dafür beinahe den Nobelpreis bekommen. Dass er – zumindest teilweise – gemeinsame Sache mit den Nazis machte, schadete zwar nicht seiner Karriere, wohl aber seinen Theorien.

Es gilt heute bei manchen Forschern als anrüchig, nach einer Verbindung von Körper und Charakter zu fahnden. Gleichwohl richten wir uns im Alltag noch immer nach derlei Vorstellungen. Schöne Menschen, so glauben wir, wirkten oft eingebildet, selbstverliebt und stünden gerne im Mittelpunkt. Kräftige Jungs entwickelten sich zu Schulhofschlägern.

Ein Blick in die Forschungsliteratur zeigt: Nicht alle diese Annahmen sind falsch. So fanden mehrere Studien einen Zusammenhang zwischen körperlicher Schönheit und Extravertiertheit. Attraktive Menschen sind im Durchschnitt ein wenig offener, gesprächiger und dominanter als der Rest der Bevölkerung. Und umgekehrt halten wir extravertierte Menschen im Durchschnitt für attraktiver. Über die Gründe dafür wird eifrig spekuliert.

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Vielleicht bekommen die schönen Kinder schon früh im Leben mehr Aufmerksamkeit von ihren Mitmenschen, was ein besonders offenes Verhalten fördert. Womöglich liegt es aber auch an der Evolution: Attraktive Menschen erhöhen ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt, wenn sie zusätzlich noch gerne im Mittelpunkt stehen – die beide Anlagen helfen einander in der Lotterie der Gene. Die dritte Erklärung: Extravertierte Menschen sind einfach ein bisschen eitler als die anderen und putzen sich entsprechend heraus. Was sie attraktiver macht, ist ein Mix aus Frisur, Fitness, Designerbrille und Make-up.

Sind schöne Menschen vielleicht geborene Narzissten? Auch dazu existieren einige Studien, jedoch mit gemischten Resultaten. Vermutlich gibt es einen mageren statistischen Zusammenhang, doch was zuerst da war, das schöne Gesicht oder die übersteigerte Selbstliebe – niemand weiss es.

Und wie steht es nun mit den starken Jungs? Entwickeln sie sich tatsächlich zu Schulhofschlägern, weil sie kräftiger sind als ihre Kameraden? Das haben kürzlich Forscher von der University of Minnesota untersucht. Sie verfolgten den Lebenslauf von rund 2500 Kindern und Jugendlichen. Die Daten widersprechen unserer Alltagshypothese. «Wir haben herausgefunden, dass das männliche antisoziale Verhalten der körperlichen Entwicklung zeitlich vorausging», schreiben die Psychologen. Anders gesagt: Die untersuchten Jungs prügelten sich bereits, bevor sie gross und stark wurden. Was immer ihren Charakter formte – der muskulöse Körper war es nicht.

Erziehen wir Persönlichkeiten?Wie viel Einfluss hat die Erziehung der Eltern auf die Persönlichkeit, die ihre Kinder werden? In den 1970er Jahren hätten Psychologen darauf eine klare Antwort gewusst: Eine zu strenge oder zu lockere Erziehung ist schädlich, die Fehler der Eltern sind die Ursache für das schwache Selbstvertrauen oder die mangelnde Sozialkompetenz der Kinder. Von dieser These hat man sich bei den Persönlichkeitspsychologen inzwischen verabschiedet. Zum einen, weil nicht nur die Eltern ihre Kinder prägen, sondern umgekehrt auch die Kinder ihre Eltern. Wenn man zum Beispiel Kinder bei Versuchen dazu anhält, sich aggressiv zu verhalten, werden selbst nachgiebige Eltern ruck, zuck autoritär.

Ein zweiter Faktor erschwert die Spurensuche: Eltern und Kinder teilen sich jeweils die Hälfte ihrer Gene. Was an der konkreten Kindespersönlichkeit ist also ererbt und was erlernt? Die schnelle Antwort darauf lautet: Die Gene bestimmen etwa 50 Prozent unserer Persönlichkeit. Doch auch hier lohnt sich ein zweiter Blick. Robert F.Krueger von der University of Minnesota und Wendy Johnson von der University of Edinburgh haben berechnet, dass der Einfluss der Gene je nach Person und Lebensumständen zwischen 34 und 77 Prozent variieren kann. Die in der Fachliteratur üblicherweise genannten 50 Prozent sind also kaum mehr als ein grober Mittelwert. «Wegen dieser Probleme wird klassische Erziehungsstilforschung zumindest in der Psychologie inzwischen kaum noch betrieben», schreibt der Berliner Psychologe Jens Asendorpf in seinem Buch «Persönlichkeit: Was uns ausmacht und warum».

Gleichwohl hat sein US-Kollege Brent Roberts unlängst einen Versuch unternommen, den Einfluss des Erziehungsstils auf die Persönlichkeit der Kinder neu zu vermessen. Laut seiner Analyse liegt der Einfluss des Erziehungsstils auf den Charakter der Kinder bei nicht einmal zwei Prozent. Das ist viel weniger, als Roberts und seine Kollegen vermutet hatten. «Wir stehen vor einem Rätsel», sagt Roberts. Daraus lernen wir drei Dinge. Erstens: Die Psychologen wissen es auch nicht so genau. Zweitens: Der Einfluss der Erziehung auf die Persönlichkeit der Kinder ist schwächer, als die meisten Eltern glauben. Drittens: Trotzdem sollten Mütter und Väter Extremverhalten meiden. Denn dass Vernachlässigung und Missbrauch Kindern schaden, das steht nach wie vor ausser Frage.

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Bin ich in jeder Situation gleich?Bei manchen Fragen hilft es, die Rolle eines Ausserirdischen einzunehmen und einfach zu beobachten. Zum Beispiel dies: In einem Raum mit hohen Decken sitzen Menschen auf Holzbänken, alle blicken in dieselbe Richtung. Auf einmal erheben sie sich und falten stumm die Hände. Wenige Strassen weiter rennen andere Menschen auf einer Rasenfläche einem Ball hinterher, und manchmal tritt einer dem anderen in die Beine. Klar: Beim ersten Ort handelt es sich um eine Kirche, beim zweiten um einen Fussballplatz. Menschliches Verhalten unterscheidet sich je nach Situation erheblich.

Aber man kann auch einen anderen Blick auf Menschen werfen: Urs ist weniger ordentlich als seine Lebensgefährtin Anna. Das ist zu Hause so, im Urlaub und bei der Arbeit – der Unterschied zwischen den beiden bleibt fast überall gleich. Persönlichkeit ist also eine recht konstante Sache. Doch was ist wichtiger – Charakter oder Kontext? Darüber tobt seit den 1960er Jahren ein heftiger Streit innerhalb der Wissenschaft. «Eine verblüffend grosse Anzahl an Forschern scheint sowohl privat als auch beruflich der Meinung anzuhängen, dass entweder die Situation oder die Persönlichkeit den stärkeren Einfluss auf unser Verhalten zeitigt», schreiben die beiden US-Psychologen R.Michael Furr und David C.Funder. Inzwischen haben sich die meisten Fachleute jedoch auf einen Kompromiss geeinigt: Unser Verhalten ist stets ein Mix aus beidem. Jeder, so ein klassisches Beispiel von Furr und Funder, reagiert mürrisch, wenn er im Job einem Streithammel begegnet. Umgängliche Menschen tun das aber sanfter als andere. Wir scheinen von Situation zu Situation jeweils ein anderer Mensch zu sein, dennoch bleibt unsere Persönlichkeit stabil.

Die Debatte um Kontext und Persönlichkeit spielt auch im Alltag eine Rolle. Wenn wir selber schlecht drauf sind, schreiben wir das fast immer den Umständen zu. Bei andern erklären wir die schlechte Laune hingegen häufig mit ihrem Charakter: Er war schon immer ein Griesgram. Der amerikanische Sozialpsychologe Richard Nisbett hat dieses Phänomen bereits in den 1970er Jahren entdeckt. Der «fundamentale Attributionsfehler» gehört zum psychologischen Lehrbuchwissen.

Bin ich im Alter ein anderer?Wer mit 18 eine Plaudertasche ist, wird auch beim Klassentreffen der 70jährigen viel reden. In der Psychologie nennt man diesen Umstand die «Rang­ordnungsstabilität». Entdeckt hat man sie, indem man Eigenschaften von Gleichaltrigen alle paar Jahre in einer Rangliste festhielt. Wer ist besonders scheu? Wer vorlaut? Das Ergebnis: Viele dieser Tabellen bleiben über Jahrzehnte stabil. So gesehen behalten wir Teile unserer Persönlichkeit ein Leben lang.

Andererseits verändern sich Menschen natürlich. «Die Persönlichkeitsentwicklung ist niemals fertig», sagt die Berliner Psychologin Jule Specht. Eine ihrer Untersuchungen ergab, dass die Persönlichkeit im Rentenalter wieder ähnlich plastisch wird wie in der Pubertät. «Nach dem 60.Geburtstag hat sich jeder fünfte noch einmal stark verändert.» Wer die Berufskleidung für immer ablegt, gewinnt dadurch offenbar auch den Freiraum für eine Art innerer Häutung. Auch beim Eintritt ins Berufsleben messen Psychologen starke Persönlichkeitsveränderungen. Die meisten Menschen werden ordentlicher, zielstrebiger und fleissiger – der Job verwandelt grosse Jugendliche in junge Erwachsene.

Einen ähnlichen Effekt registriert man bei Studenten, die für ein Semester ins Ausland gehen. Sie werden in stärkerem Masse offener, verträglicher und abgebrühter als ihre daheimgebliebenen Altersgenossen. Manche Forscher haben aus all dem geschlossen, dass es vor allem die sozialen Umstände sind, die unsere Persönlichkeit formen. Andere Lebensereignisse verändern uns weniger, als wir gemeinhin glauben. So hinterlässt etwa die Geburt unserer Kinder praktisch keine messbaren Spuren in unserer Persönlichkeit. Ein verblüffendes Ergebnis, das, obwohl es viele Väter und Mütter bestreiten würden, inzwischen mehrere Studien bestätigt haben.

Neben besonderen Einzelereignissen formt uns aber auch das Leben selbst. Mit 40 sind wir emotional viel stabiler als mit 20. Zudem kommt es bei den meisten zu einem Zuwachs an sozialer Dominanz. Sie treten mit den Jahren selbstbewusster auf und verlieren ihre Scheu vor Fremden. Auch die Gewissenhaftigkeit steigt erheblich zwischen 20 und 40. Die meisten Menschen werden mit dem Alter verträglicher, sie begegnen ihren Mitmenschen auf einmal freundlicher und gelassener.

Im Gegensatz dazu werden wir im Alter weniger offen für neue Erfahrungen: Die meisten Menschen sind mit 70 deutlich weniger neugierig, als sie das noch mit 40 waren. Unter dem Strich lautet die Erkenntnis der heutigen Persönlichkeitspsychologen: Unser Charakter ist relativ stabil, durchläuft aber auch einen vorhersagbaren Reifungsprozess, der erst mit unserem Ableben endet.

Kann ich mich verändern?«Du bleibst doch immer, was du bist», liess Goethe seinen Mephisto klagen. Er glaubte offenbar nicht daran, dass wir gegen unseren Charakter viel ausrichten können. Psychologen haben erst vor wenigen Jahren damit begonnen, genau zu erforschen, wie wir unsere Persönlichkeit verändern können. Die mit Abstand erfolgreichste Untersuchung in diesem Feld stammt aus der Feder von Brent Roberts von der University of Illinois, einem der einflussreichsten Persönlichkeitsforscher der Welt.

Roberts analysierte die Daten aus mehr als 200 wissenschaftlichen Aufsätzen in einer sogenannten Metastudie. Dabei entdeckte er, dass sich bei Menschen während einer Psychotherapie die emotionale Stabi­lität ganz erheblich verbessert. Die Veränderungen ereignen sich innerhalb der ersten sechs Wochen der Behandlung und bleiben über viele Monate hinweg wirksam, ohne zu verblassen – und all das unabhängig von der jeweils angewandten Therapieform. «Wenn du dich in eine Therapie begibst, verändert das deine Persönlichkeitseigenschaften so sehr wie ein halbes Leben», fasst Brent Roberts den Befund zusammen.

Wenn sich die Persönlichkeit bei einer Therapie nebenbei und unbeabsichtigt verwandeln kann, wie stark wird dann der Wandel erst, wenn man die Sache ganz bewusst und gezielt angeht? Einige Persönlichkeitsforscher haben das versucht – mit überraschend bescheidenen Ergebnissen. Selbst bei grossem Einsatz und maximalem Durchhaltevermögen gelingt meist nur eine minimale Korrektur in die gewünschte ­Richtung.

Um uns neu zu erfinden, fehlt den Fachleuten das nötige Werkzeug. Dazu kommt, dass einige der erzielten Veränderungen – anders als in Roberts Untersuchung – nach einigen Monaten schon nicht mehr nachweisbar waren. Mehr noch: In einigen Studien kam es gar zu einem Bumerangeffekt: Wer etwa versuchte, sich zu mehr Fleiss zu erziehen, und die Intervention unterwegs abbrach, verschlechterte dabei seine Persönlichkeitswerte.

Die Forschung steckt in all diesen Dingen noch in den Kinderschuhen, wie Mathias Allemand und ­Christoph Flückiger von der Universität Zürich herausfanden. Fazit: Wer gerne weniger ängstlich und gestresst durchs Leben gehen möchte, dem könnte eine Therapie oder ein Meditationskurs helfen. Ansonsten ist es vermutlich klüger, auf all die Selbstoptimierung zu verzichten und sich stattdessen Menschen und Situationen zu suchen, bei denen man zumindest einen Grossteil seiner Eigenschaften so ausleben kann, wie sie eben sind.

Wer passt zu mir?Manche Menschen haben es einfacher, eine glückliche Beziehung zu führen, als andere. Wer viel mit Leuten redet, fleissig und ordentlich ist, gerne mit anderen teilt, sich ungern streitet und emotional stabil ist, hat gute Chancen, zufrieden mit seiner Beziehung zu sein. Das klingt banal, bestätigt aber zugleich eine alte Grönemeyer-Weisheit: Das Leben ist nicht fair. Die Introvertierten, die Chaoten, die Konfliktfreudigen und vor allem die Neurotiker haben es messbar schwerer mit der Liebe.

Fast ebenso wichtig für das eigene Beziehungsglück ist die Persönlichkeit des Partners. Für sie gelten dieselben Regeln wie für den eigenen Charakter. Wenn der Partner extravertiert ist, verträglich, gewissenhaft und emotional stabil, dann hilft mir das für mein Liebesglück. In den meisten Studien fällt die Stärke dieses «Partner-Effekts» etwas schwächer aus als der Einfluss der eigenen Persönlichkeit. Fest steht: Der Charakter meines Partners kann mir das Liebesleben leichter oder schwerer machen. Ein diskreter Test der Big Five vor dem Hochzeitsfest könnte einem also viel Ärger ersparen.

Als dritter Persönlichkeitsfaktor kommt schliesslich hinzu, wie gut zwei eigentlich zusammenpassen. Dafür gibt es etliche Tests; die aufwendigsten davon füttern die Matching-Algorithmen grosser Online-Dating­portale. Sie sollen vorhersagen, wie glücklich man mit einem Menschen werden kann. Die wissenschaftliche Überprüfung dieser Tests steht allerdings noch aus – vor allem deshalb, weil die Firmen ihre Daten ­sorgsam hüten. Den Behauptungen der Anbieter solle man deshalb «wenig Glauben schenken», schreibt der Paarforscher Eli Finkel von der Northwestern University.

Aber was weiss die akademische Forschung zur Frage, wer zu wem passt? Der kanadische Persönlichkeitsforscher Jordan Peterson gesteht in seiner Vorlesung: Eine wirkliche Antwort hat die Psychologie bisher nicht gefunden. «Was man aber auf keinen Fall haben will, sind sehr grosse Unterschiede auf den grossen fünf Dimensionen der Persönlichkeit.» Denn die grossen Charakterunterschiede werden mit der Zeit zu einer «chronischen Konfliktquelle». Gegensätze mögen einander anziehen, ein gutes Rezept für eine langfristige und harmonische Beziehung sind sie nicht.

Das Gewicht grosser Ähnlichkeit sollte man dennoch nicht überschätzen. Eine Studie der Universität Basel kam kürzlich zum Schluss: Solange beide Partner einigermassen verträglich, gewissenhaft und emotional stabil sind, kann eine grosse Ähnlichkeit zwischen ihnen zwar angenehm sein, sie ist aber nicht notwendig. Rebekka Weidmann, eine der Autorinnen, sagt: «Vermutlich wird man glücklich miteinander – völlig egal, ob die beiden Persönlichkeiten einander ähneln oder nicht.»

Sind Einzelkinder egoistisch?Ein Einzelkind zu sein, das sei nichts anderes als «eine Krankheit», so polterte einst G. Stanley Hall, ein amerikanischer Kollege und Zeitgenosse Sigmund Freuds. Heute weiss man: Das Klischee vom verwöhnten und selbstbezogenen Einzelgänger ist übertrieben. Bereits in den späten 1980er Jahren kamen Studien zum Ergebnis, dass Einzelkinder sich in ihrer Entwicklung «nicht von Erstgeborenen oder anderen Kindern aus kleinen Familien unterscheiden». Womöglich gibt es Ausnahmen. Manche Studien entdeckten zum Beispiel, dass Einzelkinder im Durchschnitt etwas ehrgeiziger sind als ihre Altersgenossen. In China, wo wegen der Einkindpolitik viele Einzelkinder leben, fanden Forscher eine signifikant niedrigere Verträglichkeit bei den Geschwisterlosen. Fraglich bleibt, ob sich dieses Ergebnis auf westliche Gesellschaften übertragen lasse.

Wie wirkt sich die Geschwisterfolge überhaupt auf unsere Psyche aus? Dazu gibt es viele Anekdoten. Einige davon stehen in der Bibel, etwa die Geschichte von Esau und Jakob: Der starke Erstgeborene wird von seinem kleinen Bruder, einem schwächlichen Muttersöhnchen, durch eine List um sein Erbe gebracht. In den 1990er Jahren hat der Psychologe Frank Sulloway analog dazu entdeckt, dass in der blutigsten Phase der Französischen Revolution besonders viele jüngste Brüder das Sagen hatten. Die kleinen Geschwister seien «geborene Rebellen», während die konservativen und gewissenhaften Erstgeborenen dazu neigten, den Status quo zu verteidigen.

Auf den Freud-Schüler Alfred Adler geht eine ähnliche Behauptung zurück: Erstgeborene übernähmen aufgrund ihrer speziellen frühkindlichen Erfahrung gerne Verantwortung und Führungsaufgaben. Adlers These ist umstritten – sie wurde in etlichen Studien widerlegt, in anderen jedoch bestätigt. So kommt zum Beispiel eine Untersuchung aus Schweden zum Ergebnis, dass erstgeborene Männer gegenüber Drittgeborenen eine um 30 Prozent höhere Chance hätten, irgendwo im Topmanagement zu landen.

Die bisher wichtigste Studie zum Thema Geschwisterfolge und Persönlichkeit stammt jedoch von Forschern aus Leipzig und Mainz. Sie untersuchten mehr als 20000 Persönlichkeitsprofile aus den USA, Grossbritannien und Deutschland. Das Resultat: Die Geschwisterfolge hat keine allgemeine Auswirkung auf unseren Charakter. Die meisten Persönlichkeits­psychologen würde diese Aussage als den derzeitigen Stand der Forschung bezeichnen. Die Mär vom typischen Charakter älterer oder jüngerer Geschwister gilt vielen deshalb als eine «Zombie-Theorie»: Eigentlich längst gestorben – aber trotzdem nur schwer tot­zukriegen.

Ist Glück eine Charakterfrage?Wir alle erleben gute Tage und schlechte Tage. Unser Wohlbefinden bewegt sich wie eine Schlangenlinie um eine Art Mittelwert. Dieser Mittelwert ist relativ konstant und von Person zu Person unterschiedlich hoch – manche sind einfach besser drauf als andere.

Dieser «Set-Point» des subjektiven Wohlbefindens hängt in der Tat ziemlich eng mit unserer Persönlichkeit zusammen. Hohe Werte in emotionaler Stabilität, Extravertiertheit und Gewissenhaftigkeit machen es erheblich wahrscheinlicher, dass man zufrieden mit seinem Leben ist. In den 1990er Jahren schlossen die Verhaltensgenetiker David Lykken und Anton Tellegen aus Zwillingsstudien, dass unser Glücksempfinden zu 50 bis 80 Prozent angeboren ist. «Womöglich», so ihr Fazit, «ist das Streben nach mehr Glück so fruchtlos wie der Wunsch, seine Körpergrösse zu steigern.»

Doch was ist mit Ereignissen, die unser Leben einschneidend verändern? Dazu gibt es eine legendäre Studie aus den 1970er Jahren. Der US-Psychologe Philipp Brickman wollte dabei entdeckt haben, dass Lottomillionäre nur unwesentlich glücklicher sind als Menschen, die ein Unfall für immer an den Rollstuhl gefesselt hat. Ed Diener, der einflussreichste Glücksforscher unserer Tage, fand zudem heraus, dass die meisten Erlebnisse schon nach zwei Monaten keine Auswirkung mehr darauf haben, wie glücklich wir gerade sind. Viele Psychologen sprechen deshalb von der «Tretmühle des Glücks» – wir gewöhnen uns an alles. So sehr wir auch strampeln, nichts verwandelt uns dauerhaft in einen glücklicheren Menschen. Im Prinzip gilt diese Theorie noch immer. Gleichwohl haben die Fachleute inzwischen ein paar Ausnahmen entdeckt: Manche Lebensereignisse verändern unser Glücksempfinden auch längerfristig. Nach einer Heirat dauert es etwa fünf Jahre, bis man wieder auf den alten Set-Point zurückfällt. Wenn der Partner stirbt, wird man erst nach sieben Jahren wieder so zufrieden wie zuvor. Auch eine längerfristige Arbeitslosigkeit scheint Narben in unserer Seele zu hinterlassen.

Jule Specht von der Berliner Humboldt-Universität schreibt in ihrem Buch «Charakterfrage. Wer wir sind und wie wir uns verändern», dass der Übergang in die Arbeitslosigkeit «zu den einschneidendsten Ereignissen im Leben eines Menschen gehört». Auch haben viele Untersuchungen die Alltagserfahrung bestätigt, dass eine schwere Krankheit uns umhaut und manchmal über Jahre deutlich unglücklicher macht, als wir das vor der Erkrankung waren – die erwähnte Studie mit den «glücklichen Rollstuhlfahrern» hat die Sache vermutlich etwas zu rosig gesehen. Fazit: Ja, Glück ist Charaktersache – aber auch eine Frage von Glück, Pech und Schicksal.

Jochen Metzger ist freier Journalist. Er lebt in Hamburg und den USA. Weiterlesen: Neue Zürcher Zeitung »

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