Omega klont den Astronauten eines Zürcher Künstlers – der klagt

Plötzlich erkennt ein Zürcher Künstler seinen Astronauten neben George Clooney in einer Omega-Werbung – nun klagt er. (Abo+)

2/12/2020

Plötzlich erkennt ein Zürcher Künstler seinen Astronauten neben George Clooney in einer Omega-Werbung – nun klagt er. (Abo+)

Plötzlich erkennt Max Grüter seine Skulptur neben George Clooney in einer Werbekampagne der Luxusuhrenfirma. Das lässt er sich nicht bieten.

am Mai 10, 2019 um 12:08 PDT An seinem Computer zeigt Grüter die Visualisierung, auf der er seinen digitalen Raumfahrer neben den goldenen Astronauten von Omega gestellt hat. Und tatsächlich: Abgesehen vom ­hinzugefügten Omega-Logo, dem etwas gekürzten Rucksack und der goldenen Farbe wirken die beiden Figuren identisch. Die Körperhaltung ist dieselbe. Und auch Grüter hat eine goldene Version seines Astronauten geschaffen. «Wenn die exakt gleiche Figur zweimal unabhängig entstanden sein sollte, wäre das ein Wunder», sagt Grüter. Jahrzehntelange Faszination Raumfahrer sind zum wichtigsten Leitmotiv des künstlerischen Schaffens des Zürcher Künstlers geworden, seit er sich in den 1990er-Jahren mit ihr zu beschäftigen begonnen hat. «Der Astronaut als Figur fasziniert mich, er steht für die letzten 50 Jahre Zeitgeschichte», sagt Grüter. Diese Faszination spiegelt sich in seinem ­Atelier: Modelle von Astronauten in den verschiedensten Farben stehen herum, als Motiv finden sie sich auf diversen Bildern. Als Inspiration für seinen ­digitalen Raumfahrer habe ihm die Figur eines Apollo-Astronauten gedient. Diese habe er in jahrelanger Arbeit immer weiter abstrahiert und verändert, bis er zu seiner ganz eigenen Interpretation kam. «Figurative Evolution» nennt Grüter diesen Prozess. Am Ende habe er seinen «Apollo Astronaut» ganz bewusst ins Ungewisse des digitalen Raums entlassen, wie er sagt. Sie ist für den 3-D-Drucker konzipiert und wurde mittlerweile tausendfach heruntergeladen. «Das Internet ist ein wunder­bares Vehikel für Kunst», sagt Grüter. «Die Ver­breitung meines Astronauten ist mittlerweile eine Art eigene Gesamtskulptur, mit der die Einmaligkeit des Kunstwerks ad absurdum geführt wird.» Doch Grüter setzte dieser Verbreitung Grenzen. In der «Creative Commons»-Lizenz steht ausdrücklich, der Künstler müsse bei Kopien und Weiterentwicklungen erwähnt werden. Und die kommerzielle Nutzung ist ganz ausgeschlossen. Beides habe Omega miss­achtet, sagt Grüter. Im Oktober hat er die Uhrenfirma deshalb am Zürcher Handelsgericht wegen Verletzung des Urheberrechts eingeklagt. Vertreten wird er von Andreas Ritter, einem auf Kunstrecht spezialisierten Zürcher Anwalt. Dieser fordert für die widerrechtliche Nutzung eine Entschädigung – und will zudem Auskunft darüber, wo und wie genau Omega die Figur weltweit für seine Werbekampagne eingesetzt hat. Denn erst dann könne man abschätzen, was die weltweite Einräumung einer ­Lizenz kosten würde, sagt Ritter. Gemessen an der weltweiten Kampagne, dürfte es sich um einen mehrstelligen Millionenbetrag handeln. Der Versuch, mit Omega eine aussergerichtliche Einigung zu erzielen, sei leider gescheitert. «Mich erstaunt, dass uns ­Omega nicht entgegenkam, zumal es sich um eine offensichtliche ­Kopie handelt», sagt Ritter. Besonders irritierend sei dies auch deshalb, weil Omega Teil der sei, die selber immer wieder konsequent gegen Nachahmungen ihrer eigenen Entwürfe vorgehe – etwa, wenn Kopien der Uhren auftauchten. Und Swatch profiliere sich als kunstaffines Unternehmen, indem sie etwa Kollaborationen mit Künstlern eingehe und damit werbe, Künstler zu fördern. Nur Deko-Material? Aus urheberrechtlicher Sicht sind zwei Dinge entscheidend: Zum Ersten muss ein Werk eine geistige Schöpfung darstellen und einen sogenannten individuellen Charakter aufweisen. Nur dann ist es geschützt. Laut Ritter erfüllt Grüters Astronaut diese Anforderungen zweifellos. Zum Zweiten müsste sich Omegas Werbeträger-Figur deutlich von Grüters Werk unterscheiden, um als eigenes Werk durchzu­gehen. Das ist laut Ritter klar nicht der Fall. Er liest die wenigen gemachten Anpassungen gar als Hinweis dafür, dass ein von Omega beauftragter Kreativer eine Urheberrechtsklage allenfalls bereits antizipiert hatte. Omega bestreitet in einer schriftlichen Stellungnahme die geltend gemachte Urheberrechtsverletzung. Ausserdem handle es sich beim Astronauten um Dekorationsmaterial, präzisiert der Konzern. Aufgrund des laufenden Verfahrens könne man nicht mehr dazu sagen. Topmodel Alessandra Ambrosio mit dem Omega-Astronauten: Sujet aus der Werbekampagne. Foto: PD Der «Tages-Anzeiger» hat die Bilder von Grüters Astronaut und jenes von Omega mehreren unabhängigen Experten vorgelegt. «Die Skulptur ist ein urheberrechtlich geschütztes Werk», sagt Daniel Hürlimann, Spezialist für Immaterialgüterrecht und Rechtsprofessor an der Universität St. Gallen. «Omegas Modell ist lediglich eine Bearbeitung und keine Neugestaltung. Eine Bearbeitung ist nur mit Zustimmung des Urhebers des vorbestehenden Werks verwertbar.» Auch der Zürcher Anwalt ­Martin Steiger kann die Argumentation von Andreas Ritter nachvollziehen. Er gehe davon aus, dass es für Omega vor Gericht «Erklärungsbedarf» gäbe, falls das Unternehmen sich auf den Standpunkt stellte, die Figur sei nicht kopiert. Es wäre laut Steiger nicht ungewöhnlich, wenn ein Designer, der mit der Gestaltung des «goldenen Astronauten» beauftragt wurde, auf das 3-D-Modell von Max Grüter stiess und es verwendete. Möglich sei auch, dass er dabei übersah, dass bei der eigentlich freien Lizenz die kommerzielle Nutzung ausgeschlossen wird. Er sei schon etwas nervös, sagt Grüter im Hinblick auf den Prozess. Natürlich wolle er, dass die Verwendung seiner Arbeit anständig abgegolten werde. Doch Geld sei für ihn lediglich Treibstoff, mit dem er neue Projekte verwirklichen könnte. Was er will, ist Anerkennung: «Ich habe mich in meinem Kunstschaffen jahrelang intensiv mit diesem Astronauten beschäftigt – er hat für mich einen grossen emotionalen Wert.» Die Verbreitung habe er sich zwar gewünscht. Und die Verwendung durch Omega sei in gewisser Weise auch ein Kompliment. Doch weil er nie um Zustimmung gefragt worden sei und das Namens­nennungsrecht nicht respektiert wurde, bleibe ein bitterer Nachgeschmack und eine Frage: «Wo bleibe so ich, der Künstler?» Erstellt: 12.02.2020, 21:31 Uhr Weiterlesen: Tages-Anzeiger

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