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Öl im Kopf | NZZ

Es begann harmlos: mit einem Brennstoff für Lampen, als Ersatz für Pottwalfett. Danach wusste die Welt mit dem Erdöl nichts mehr anzufangen. Warum hat es uns trotzdem erwischt?

29.03.2020 21:22:00

Es begann harmlos: mit einem Brennstoff für Lampen, als Ersatz für Pottwalfett. Danach wusste die Welt mit dem Erdöl nichts mehr anzufangen. Warum hat es uns trotzdem erwischt? Ein Beitrag von NZZ Geschichte .

Es begann harmlos: mit einem Brennstoff für Lampen, als Ersatz für Pottwalfett. Danach wusste die Welt mit dem Erdöl nichts mehr anzufangen. Warum hat es uns trotzdem erwischt?

TeilenEigentlich war alles schon zu Ende. Anderthalb Jahre hatten sie gesucht, gefunden hatten sie nichts, und das Kapital war so gut wie aufgebraucht. Noch 847 Dollar lagen auf dem Konto der Bank in Titusville, einem Nest in den Hügeln Pennsylvanias. Edwin Drake brauchte frisches Geld für seine Bohrung, doch sein Chef in New York hatte ihm keinen Check, sondern die Kündigung ausgestellt, im Namen der Investoren. Drake sollte die Übung abbrechen, die Maschinen verkaufen und seinen Arbeiter entlassen. Der hiess William Andrew Smith, aber weil das eine amerikanische Geschichte ist, eine uramerikanische Geschichte von Männern der Tat und des Willens, kennt man William Andrew Smith unter dem zupacken­de­ren Namen «Uncle Billy». Und Edwin Drake, seinen Chef, als «Colonel Drake». Auch wenn Drake, so viel man weiss, nie Oberst war.

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Auf jeden Fall war es Samstag, den 27. August 1859. Der Brief mit der Kündigung hatte New York schon verlassen, aber Titusville noch nicht erreicht. Draussen im Wald stampfte die kleine Dampfmaschine und trieb das Bohrgestänge an. Installiert in einem mit rohen Brettern verkleideten, zehn Meter hohen Turm, drehte es sich durch ein Rohr in die Erde, und das so langsam wie an jedem Tag zuvor. Am Nachmittag erreichte der Bohrer 21 Meter Tiefe, dann rutschte er jäh in eine Spalte und sank nochmals 15 Zentimeter tiefer. Onkel Billy stellte die Maschine ab und machte Feierabend. Als er tags darauf zurückkam, um das Bohrloch zu kontrollieren, sah er Wasser am Grund des Lochs. Und auf dem Wasser eine dunkle Flüssigkeit. Onkel Billy holte eine Probe hoch, Oberst Drake traf später ein. Er fand Billy und dessen Söhne inmitten von Eimern, Schüsseln, Wannen und Fässern. Alle waren voll mit Öl.

So geht die Saga. Der Rest ist Geschichte, die Geschichte unserer Gegenwart: Am 27. August 1859 begann ein neues Zeitalter in der Entwicklung der Menschheit, das des Erdöls. So liest man es heute allenthalben. Das ist nicht übertrieben, aber auch nicht ganz richtig. In Titusville glückte die erste gezielte, mit modernen Mitteln realisierte Bohrung nach Öl. Aber was für ein Zeitalter es war, in das dieses Öl die Welt führen würde, ahnten weder der Onkel noch der Oberst und auch nicht ihre New Yorker Geld- und Auftraggeber. Unsere Gegenwart war kein Projekt, das damals aufgegleist worden wäre. Im Gegenteil: Was die Pioniere vorhatten, hatte keine Zukunft. Sehr bald sollte es so weit kommen, dass die Welt mit dem Öl nichts mehr anzufangen wusste.

Aber der Moment, da William Andrew Smith ins Bohrloch spähte – das ist tatsächlich die Urszene aus dem Leben dieses Stoffs: der Fund. Wie tritt das Erdöl auf? Es kommt über Nacht und so gut wie von selbst, und es rinnt ebenso verborgen aus der Erde, wie es in unseren Alltag eingesickert ist. Es treibt unsere Motoren an. Es liegt uns auf der Haut, als Polyamid-Anteil im Baumwollshirt. Es steckt in der Farbe unserer Wände, in der Matratze, in den Fensterrahmen, im Computer, in der Zahnbürste, im Shampoo, im Aspirin (Ausgangssubstanz der Acetylsalicylsäure ist Benzol, ein Erdölbestandteil). Und auch wenn die Gurke nicht eingeflogen wurde: Aus Öl wurde der Dünger fabriziert, Öl heizte das Gewächshaus, Öl trieb Traktoren und Lieferwagen an, aus Öl sind die Kunststoffharasse und die Plastikfolien, in denen die Gurke in den Laden kommt. Unverarbeitet ist es überhaupt nicht zu gebrauchen. Zugleich prägt kaum ein Rohstoff das moderne Leben wie das Öl. Und keiner bleibt dabei so unsichtbar.

Die Kulturforscher nennen das die «Petro­moderne»: eine Ära, in der sich Politik und Gesellschaft, Wirtschaftsformen und Lebensstile unter dem Einfluss des Öls entwickelten. Aber eben, davon konnten die Pioniere noch nichts wissen. Wenn sie eine Idee der Zukunft hatten, dann die: reich zu werden. Erdöl hatte es in Titusville zwar schon gegeben, bevor der Oberst und der Onkel hier einem Farmer das erste Stück Land abkauften. Das «Steinöl» trat in natürlichen Quellen aus dem Boden, und es hatte auch dem Oil Creek, der durch die Gegend floss, den Namen gegeben. Man konnte es abschöpfen oder tränkte Tücher im öligen Wasser und wand sie aus. Auch bei der Salzförderung fiel es an, als Beifang in den Bohrlöchern. Doch die Mengen waren gering, und man fabrizierte daraus zur Hauptsache volksmedizinische Quacksalbereien gegen Zahnschmerzen, Rheuma, Taubheit oder Würmer.

Die Investoren, die Smith und Drake nach Titus­ville schickten, hatten etwas anderes, etwas Grösseres im Sinn. Erstens wollten sie keine Arzneien verkaufen, sondern Licht: Aus dem Öl wollten sie Brennstoff für Öllampen destillieren, das Petroleum. Künstliche Beleuchtung gehörte zum modernen Leben; der Bedarf war mit der Industrialisierung ebenso gestiegen wie mit dem Wachstum der Bevölkerung. Es gab gutes Leuchtöl, gewonnen aus dem Fett der Pottwale. (Kapitän Ahab in Herman Melvilles Roman

Moby Dickist in dieser Branche tätig.) Doch das Walöl wurde im gleichen Mass unerschwinglich, wie die Walbestände schrumpften. Und so mühten sich die breiten Massen mit minderwertigen Ersatzstoffen ab, mit dem Kamphen etwa, einem Derivat aus Terpentin, «das den leidigen Nachteil hatte, dass es leicht entzündlich war, und die noch unerfreu­li­chere Tendenz, in Wohnhäusern zu explodieren», wie Daniel Yergin in seiner monumentalen Geschichte des Erdöls schreibt.

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Wie sieht Erdöl eigentlich aus? Pipelines bei Cold Lake, Alberta/Kanada (2001).Edward BurtynskyZweitens wollten die Gründer der Pennsyl­vania Rock Oil Company das Öl in grossem Massstab aus dem Boden holen. Dazu setzten sie auf die Bohrmethoden der Salzförderung. In Osteuropa – in Galizien und Rumänien – schaufelten die Bauern damals Schächte, um ans Öl zu kommen, aus dem eine kleine Industrie Petroleum fabrizierte. Dagegen war die Bohrtechnik schon im Spiel, als man im Frühling 1859 in der Lüneburger Heide in dreissig Metern Tiefe auf Öl gestos­sen war. Aber dort hatte man Braunkohle gesucht und nichts aus dem Fund gemacht.

Das also war der Markt, den die Investoren um den New Yorker Rechtsanwalt George Bissell vor sich sahen. Sie waren keine Erfinder, sondern Geschäftsleute. Sie verbanden eine Nachfrage, die es schon gab (jene nach Petroleum), mit einer neuen Quelle, um sie zu decken. Wenn aus dem Erdöl etwas werden sollte, industriell und kommerziell, dann musste es grosse Vorräte davon geben, die sich fördern liessen.

Die Antwort kam an jenem Wochenende im August 1859. Und nach jenem Wochenende kamen viele, die an die gleiche Zukunft glaubten: In Titusville brach das erste Ölfieber der Geschichte aus. Nach Drakes System wurde Bohrturm um Bohrturm gepflanzt, die Preise für Farmland explodierten. «Die ganze Bevölkerung ist so gut wie verrückt», schrieb George Bissell aus Titusville an seine Frau. Und ein Fieber war es wirklich: Anders als in Europa gehörte dem Besitzer nach amerikanischen Rechtsgepflogenheiten alles, was er aus seinem Grund und Boden holte. Wer sich am schnellsten aus dem Vorrat bediente, gewann das meiste Öl und das meiste Geld. Das machte dieses Geschäft zur Jagd. 1859 wurden in Pennsylvania zweitausend Barrel Rohöl gefördert – im Jahr darauf eine halbe Million, 1862 drei Millionen.

Barrels? Ursprünglich waren das die Fässer für Bier, Fisch oder Terpentin. In die wurde nun das Öl gefüllt; 1872 wurde das US-Barrel mit knapp 159 Litern als Standardmass der Branche definiert. Aber schon vorher zeigte sich an den Fässern, was für ein unwägbares Geschäft mit diesem Stoff entstand: Der Boom entfesselte eine Ölschwemme, die Fässer wurden knapp. Und dann fielen die Ölpreise so tief, dass ein Fass ein Vielfaches des Inhalts kostete. Dabei liegt das fast schon in der Natur des Öls. In der Erde steht es unter Druck, es drängt nach draussen, und ist eine Quelle einmal erschlossen, braucht es wenig Arbeit, um es zu fördern – und noch weniger, um mehr davon zu fördern. Entsprechend schnell können die Preise fallen. Dann bricht Hektik aus: Wer seine Gewinne halten will, lässt noch mehr Öl aus seinen Quellen fliessen.

So rutschte die Branche schon in ihrem ersten Jahrzehnt zweimal in die Krise. Zwischen Anfang und Ende 1861 fiel der Preis pro Barrel von zehn Dollar auf zehn Cent. Viele Produzenten waren ruiniert. Zugleich hätten die niedrigen Preise dem Öl aus Pennsylvania einen «raschen Sieg» gebracht, wie Daniel Yergin schreibt: Es verdrängte die anderen Leuchtstoffe. Schliesslich holte die Nachfrage das Angebot wieder ein, die Preise stiegen – bis die Spekulation eine zweite Erdölblase schuf. Sie platzte 1866.

Panik und Ruin bringt das Öl aber auch, wenn es versiegt. Und das war in der Zeit der Pioniere nicht weniger schnell der Fall. Im Januar 1865 stiessen Schürfer auf eine Quelle in der Nachbarschaft von Titusville. Mitten im Wald schoss eine Stadt namens Pithole aus dem Boden, mit 15 000 Einwohnern, Hotels, Banken, Telegrafenämtern, Freudenhäusern. Aber dann förderten die Pumpen ebenso plötzlich nur noch Luft. Im Januar 1866 verliessen Tausende die Stadt, und eine Parzelle, die 1865 für zwei Millionen Dollar verkauft worden war, war 1878, als sie versteigert wurde, nicht mehr wert als 4 Dollar und 37 Cent. «So sieht es hier aus», räsonierte eine lokale Zeitung: «Ein paar Arme werden reich, ein paar Reiche noch reicher; ein paar Arme und ein paar Reiche verlieren alles, was sie investieren.»

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Und wozu das alles? Für jenes Licht, von dem es in einem frühen Handbuch des Erdöls hiess, es sei «das Licht der Epoche»: Das Steinöl leuchte heller als der Mond, fast wie der Tag – «ein erlesenes Licht und zugleich das billigste der Welt».

Um die Welt ging es dann wirklich. 1870 gründete in Cleveland ein Gemischtwarenhändler namens John Rockefeller die Standard Oil Compa­ny. Zuvor hatte er Leuchtpetroleum verkauft und sich an einer Erdölraffinerie beteiligt. 1879 waren schon 90 Prozent der amerikanischen Raf­fi­ne­rie­kapazität in seiner Hand. Als eine der ersten multinationalen Aktien­ge­sell­schaf­ten wur­de Standard Oil zur mächtigsten Firmengruppe der Welt, ihr Umsatz grösser als das Bruttosozialprodukt der meisten Staaten, Rockefeller selbst zum reichsten Mann auf dem Planeten. 1910 besass sein Trust 62 Firmen in den USA und 53 im Ausland.

Rockefeller und seine Partner hatten eine Vorstellung vom Geld, das sich mit dem Erdöl machen liess. Zugleich wollte er etwas aufbauen (und darin war er so sehr Unternehmer wie frommer Protestant): eine Ordnung. Rockefeller sah sich selber als die Hand, die dem Chaos des ungezügelten Wettbewerbs ein Ende setzte und das Geschäft vor den zerstörerischen Turbulenzen der Preise und den Überkapazitäten schützte. Das Mittel dazu sah er in der Zusammenfassung der Industrie – unter seiner Leitung.

Bevor Carl Benz seinen Motorwagen baute, war Benzin ein wertloses Nebenprodukt. Raffinerie von BP in Carson, Kalifornien (2007).Mitch EpsteinZum einen praktizierte Standard Oil, was später «vertikale Integration» genannt wurde: die Kontrolle der ganzen Verwertungskette unter dem Dach ein und derselben Gesellschaft. Rockefeller baute ein eigenes Netz von Händlern auf. Er stieg in die Verarbeitung ein, kaufte Raffinerie um Raffinerie und fusionierte sie. Dazu kamen Vermarktung und Transport: Pipelines, Lastwagen, Schiffe, Tanklager. Standard Oil fertigte sogar seine Barrels aus Eiche, die auf Ländereien wuchs, die Standard Oil gehörten. Schliesslich übernahm Rockefeller auch die Gewinnung seines Rohstoffs: Er kaufte neu entdeckte Ölfelder und Förderwerke in Ohio.

Die andere Achse seines Feldzugs war die Horizontale. Standard Oil drückte Konkurrenten in Preiskriegen an die Wand, schaltete den Wettbewerb mit Kartellen und Boykotten aus, und Rockefeller nutzte seine wachsende Macht auf dem Weg zum Beinahemonopol in den USA ebenso rücksichtslos wie im Ausland. Die russischen Petroleumlieferanten verdrängte er aus China, indem er den Chinesen Millionen von Öllampen verschenkte und das Leuchtpetroleum zu Dumpingpreisen verkaufte, die nur er sich leisten konnte. Als sich das Jahrhundert dem Ende näherte, hatte sein Imperium auf der ganzen Welt nur noch zwei ernsthafte Rivalen: die Ölunternehmen der Rothschilds und der Nobels. Sie traten mit Erdöl aus dem Kaukasus in den Kampf um die Märkte Europas und Asiens.

Zwei Kräfte hielten Rockefellers Vormarsch nach vier Jahrzehnten schliesslich auf. Zum einen die Behörden und Gerichte in den USA; sie gingen zunehmend entschlossen gegen die Kartelle, die versteckten Übernahmen und den Monopolismus vor. Die andere Kraft war gewissermassen das Erdöl selbst. Rockefeller hatte sein ganzes Imperium auf das Bemühen gebaut, die Macht des Öls zu bändigen und den Wettbewerb aufzuhalten, den es entfesselt hatte. Aber das Öl könnte versiegen, ohne dass er einen Einfluss darauf hätte, oder neues könnte entdeckt werden. Letzteres geschah. Noch bevor ab 1945 die Golfregion die Ölwelt umwälzte, wurden in der Zeit um 1900 weitere Vorkommen in den USA erschlossen, in Oklahoma, Texas, Kalifornien. Ebenso in Burma und in Sumatra. Mexiko und Venezuela folgten. Selbst der mächtigste Industrielle hatte seine Hand nicht überall: Das neue Öl brachte laufend neue Konkurrenten hervor, die Rockefellers Regime untergruben.

Hat das Erdöl magische Kräfte? Es hat eine Logik, und zwar seine eigene. Auch davon handelt die Urszene am Bohrloch in Titusville. Die Investoren hatten es schon aufgegeben, als es sich zeigte: Das Öl kommt unerwartet, es hat etwas Eigenmächtiges. Es brachte der Welt Licht, dann auch Energie und Mobilität, es verhalf Wirtschaftsimperien zum Aufstieg und verursachte ihren Fall, es hat Gesellschaften verwandelt und Staaten erschüttert. Weil es raschen Reichtum schafft, andere Wirtschaftszweige verdrängt, Korruption und Klientelismus fördert, den Machterhalt undemokratischer Regime und eine Brot-und-Spiele-Politik mit tiefen Steuern. «Exkrement des Teufels», so nannte es Venezuelas Ölminister 1975.

Natürlich ist es nicht das Erdöl selbst, das handelt, auch nicht im Erdölzeitalter. Aber wo es Menschen in die Hände bekommen, legt es ihnen ein bestimmtes Handeln nahe und hält sie von anderen Möglichkeiten ab. Es drängt sie in eine Richtung, die zum Sachzwang werden und zu Ergebnissen führen kann, die keiner plante. Darum ist die Geschichte dieses Stoffs eine Geschichte voller Momente und Entwicklungen, die kaum vorherzusehen waren.

Kaum vorhersehbar war zum Beispiel, dass der Welt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein neues Licht aufging. Die Glühbirne kam mit dem Stromanschluss in die Häuser. Und sie war der Öl- wie der Gasbeleuchtung überlegen. Sie russte nicht, brauchte nicht laufend neue Nahrung, und sie ging nicht in die Luft. Die Gas­versorger verlegten sich auf den Bedarf zum Heizen und Kochen. Die Erdölindustrie war mit dem Petroleum auf dem Rückzug in jene ländlichen Gebiete, die noch nicht elektrisch erschlossen waren. Und wenn es so weiterging?

Dann wäre die Ära des Öls schon wieder zu Ende gewesen. Dann hätte es auch die Petro­moderne nicht gegeben, und die Welt wäre wirklich eine andere geworden. Die Wende kam mit dem «Patent-Motorwagen Nr. 1», den Carl Benz 1886 in Mannheim vorstellte. Ausser ihm und einer Reihe weiterer Entwickler glaubten nicht viele ans Vehikel mit dem Verbrennungsmotor. «Es ist gefährlich, stinkt, ist unbequem, ganz sicher lächerlich, zu schnell und zum Vergessenwerden verurteilt», meinte Georges Clemenceau, ein französischer Politiker und Journalist. Während er es immerhin zum Ministerpräsidenten seines Landes brachte, wurde aus dem Apparat, dem er das Vergessen prophezeit hatte, der beliebteste, der berühmteste, der bezeichnendste Gegenstand der Konsumgesellschaft.

Das Karussell dreht sich immer schneller. Nanpu-Brücke, Schanghai, China (2004).Edward BurtynskyDafür musste er sich gegen die Alternativen durchsetzen, die es damals gab. Um 1900 fuhren in den USA erst 22 Prozent der Automobile mit Benzin – 40 Prozent hatten einen Dampfantrieb, 38 Prozent einen Elektromotor. Und es sah ganz so aus, als ob die Zukunft Letzterem gehörte. Man erwartete eine elektrische Ära, der Strom trieb die Phantasien an, das Elektromobil lag in der Publikumserwartung vorn. Es kam dann anders: Der Benzin­wagen wurde als Sport- und Renommierobjekt entdeckt; die Rennfahrten prägten die Vorstellungen vom richtigen Auto, von Form, Leistungsfähigkeit und Gebrauch. Ja, das Ding machte Krach und Rauch, der Explosionsmotor hatte seinen Namen nicht umsonst. Aber genau das war der Reiz für die Autosportler und ihr Massenpublikum. Und es verhalf dem Benzinwagen – neben Fortschritten beim Betriebskomfort – zum gesellschaftlichen Durchbruch. Er passte besser als das summende Elektromobil zur «Ideologie des chevaleresken Amateur-Rennfahrers», die der frühe Automobilismus laut dem Historiker Christoph Maria Merki zelebrierte: kühne Helden, wilde Maschinen.

Darauf setzten auch die Hersteller. Bald wurden in Amerika mehr Benzin- als Elektroautos verkauft. Bis 1910 war die Systemfrage entschieden. Und ab 1914 kam Henry Fords «Modell T» vom Fliessband. So wurde ein luxuriöses Freizeitvergnügen in einen Volkswagen verwandelt. Und so erlebten die USA die Massenmotorisierung noch in der Zwischenkriegszeit, während Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg so weit war.

Die Karriere von Technologien hängt eben nicht nur von technologischen Faktoren ab und auch nicht allein von ihrer Nützlichkeit, sondern mindestens so sehr von ihrem Appeal und ihren symbolischen Qualitäten. Für die Erdöl­industriellen war das ein Glück. Zur gleichen Zeit, da die Glühbirne der Petroleumlampe den Garaus machte, bescherte ihnen das Auto einen neuen Markt. Benzin war bisher nur als Nebenprodukt in den Raffinerien angefallen; es wurde als Lösungsmittel und Brennstoff für Öfen in Apotheken verkauft. Dort hatten sich auch der Motorenbauer Benz und seine ersten Kunden eingedeckt. (Wobei sich das Wort Benzin nicht Benz verdankt, sondern einem älteren Begriff aus der Chemie, während der Diesel seinen Namen wirklich von Rudolf Diesel hat.)

Nun kam das Geschäft in Fahrt. 1911 verkaufte die Erdölbranche in den USA erstmals mehr Benzin als Petroleum. Mit dem «Cracking» entwickelte sie zudem eine Methode, um entscheidend mehr Benzin aus dem Rohöl zu holen als mit dem konventionellen Destillieren: Bei hohem Druck und hoher Temperatur wurden die grossen Kohlenwasserstoffmoleküle in kleinere aufgespalten, aus denen sich Benzin gewinnen liess. Das verdreifachte die Ausbeute aus dem Rohöl auf bis zu 45 Prozent. Und es half, den Benzinengpass abzuwenden, der sich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg abzeichnete.

Im gleichen Krieg wurde das Öl dann kriegs­entscheidend. Die Welt sah ab 1914 nicht nur das Inferno in den Gräben, als die Fronten erstarrten, sondern auch die Anfänge des industrialisierten Bewegungskriegs. Und das waren zugleich die Anfänge des Öls als einer «militärischen Kraft, ohne die es keine Bewegung mehr gibt», wie es der Technikhistoriker Karl Metz formuliert. In der Schlacht erschienen die ersten Autos, Camions, Tanks und Flugzeuge. Zudem wurden die Kriegsschiffe von Kohle- auf Ölfeuerung umgestellt. Die Generäle wurden abhängig von Treibstoffen und Schmiermitteln, und das bekam vor allem Deutschland zu spüren. Zunächst war es abgeschnitten von seinen Lieferanten USA, Russland und Mexiko, dann misslang sein Griff nach den galizischen und rumä­nischen Ölgebieten. Am Ende beschleunigte die Treibstoffnot die deutsche Kapitulation.

«Öl ist das Blut der Schlachten, das die Kriege gewinnt», triumphierte Georges Clemenceau. Das war der gleiche Clemenceau, der dem Benzinwagen den Untergang vorausgesagt hatte. Nun war er zum zweiten Mal französischer Ministerpräsident und hielt Deutschland in den Friedensverhandlungen von Versailles so klein wie möglich. Die deutschen Firmen und Banken verloren ihre Beteiligungen an der internationalen Mineralölindustrie. Nationalisten riefen den «deutschen Kampf um die Rohstofffreiheit» aus.

Das Erdöl veränderte aber nicht nur den Krieg, sondern auch den ganz normalen Alltag. Und anders als mit dem Leuchtpetroleum schuf es mit dem Benzin Abhängigkeiten, die wir nicht wieder losgeworden sind. «Jede weise Regierung der Gegenwart hat sich zum Ziel zu setzen, dass jeder Bürger, sei er Arbeiter oder Unternehmer, sein Auto besitze», erklärte der Automobilclub der Schweiz im Jahr 1940: «Denn für den modernen Menschen macht das Auto das Leben erst so recht lebenswert.»

Das Öl war billig, und das war seine Macht. Deponie in Westley, Kalifornien (1999).Edward BurtynskyDas klingt heute wie die Botschaft von einem fremden Planeten. Aber es war Konsens in der Nachkriegszeit – bis zur «Umweltwende» ab 1970. Und so weit sich das Auto in der Gesellschaft verbreitete, so tief drang mit ihm das Öl in die Strukturen des modernen Lebens ein. Der Alltag wurde auf die Aktionsradien des Autos zugeschnitten; man sieht es an der Trennung von Wohnen, Arbeit und Freizeit, den Eigenheimen auf dem Land, den Einkaufszentren an der Autobahn. «Nicht nur die Menschen, auch die Sozialordnung hat sich mobilisiert», schreibt der Soziologe Wolfgang Sachs: «Das Ideal des beweglichen Individuums verlangt ein Vehikel.» Das nennt man einen Sachzwang. Und an ihm ändert der individuelle Verzicht aufs Autofahren wenig.

Zugleich sorgte der Automobilismus für noch mehr Automobilismus, und auch dafür war das Öl der Hebel. 1928 installierte der Bund die Zweckbindung für die Gelder aus dem Treibstoffzoll. Im Lauf der 1950er Jahre wurde sie zweimal erhöht: Zunächst mussten 19, dann 50 und schliesslich 60 Prozent der Einnahmen für den Bau von Strassen verwendet werden. Damit warf der wachsende Verkehr immer mehr Geld ab, von dem immer mehr für den Verkehr ausgegeben wurde. So gewann laut dem Historiker Merki ein «Karussell» an Schwung, das später kaum noch zu bremsen gewesen sei.

Welche Macht über den Alltag das Öl gewonnen hatte, wurde dem Westen spätestens 1973 klar. In jenem Herbst eröffneten Ägypten und Syrien den Krieg gegen Israel. Die Opec, die ­Organisation der Erdöl exportierenden Länder, stoppte die Lieferungen an die USA und an die Niederlande, die Israel unterstützten. Zudem drosselte sie die Fördermengen und setzte die Preise herauf. Sie stiegen von rekordtiefen 1 Dollar 40 pro Barrel Rohöl 1970 auf 5 Dollar im Oktober 1973 und auf fast 12 im Januar 1974. Die Regierung der BRD ­verbot das Autofahren an vier Sonntagen, der Schweizer Bundesrat an drei. Auf den leeren Strassen kehrte Volksfeststimmung ein, eine deutsche Gemeinde veranstaltete einen «Ölsparwandertag» und belohnte die Teilnehmer am Ziel mit einem Gratiskanister Benzin. Derweil stürzte die Schweizer Wirtschaft in eine Rezession, in Deutschland ging das Wirtschaftswunder jäh zu Ende, weltweit brach die Konjunktur zusammen. In den Konsumgesellschaften war die Einsicht da, dass nicht nur die Export-, sondern auch die Importländer «oil states» geworden waren: Sie lebten vom Öl. (...)

Daniel Di Falco ist Redaktor von Weiterlesen: Neue Zürcher Zeitung »

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