Vergiss Die Nervtötende Perfektionierung Deiner Selbst – Aber Optimiere Dich Stattdessen!, Feuilleton, Nachrichten

Vergiss Die Nervtötende Perfektionierung Deiner Selbst – Aber Optimiere Dich Stattdessen!, Feuilleton

Nach Corona: Optimiere dich – aber ziele nicht auf Perfektion

Meine Tochter hat mir in der Krise geraten, für die Zeit nach der Krise souveräner zu werden. Ja, gut gesagt. Aber was heisst das eigentlich? Ein Selbstversuch.

27.05.2020 20:00:00

Die Tochter unseres Autors hat ihm in der Krise geraten, für die Zeit nach der Krise souveräner zu werden. Ja, gut gesagt. Aber was heisst das eigentlich? Ein Selbstversuch.

Meine Tochter hat mir in der Krise geraten, für die Zeit nach der Krise souveräner zu werden. Ja, gut gesagt. Aber was heisst das eigentlich? Ein Selbstversuch.

Matilde Campodonico / APWas wird nach der Corona-Krise aus der Selbstoptimierung? Klarer könnte geworden sein, dass es Wichtigeres gibt, als sich immer weiter zu perfektionieren. Die Einsicht könnte gewachsen sein, dass eine Selbstbestimmung spätestens dann an ihre Grenzen stösst, wenn ein Virus das Selbst fremdbestimmt.

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Die Krise hat viele mit ihrem eigenen Selbst konfrontiert. Wäre es nicht auch in Zukunft erstrebenswert, besser mit sich zurechtzukommen? Eine revidierte Selbstoptimierung könnte dabei helfen. Es lohnt sich, für einen Moment genauer hinzusehen, was damit eigentlich gemeint ist.

Erscheint es sinnvoll, im Laufe des Lebens etwas aus sich zu machen, was spannend ist? Etwas, was als Möglichkeit, als Talent vielleicht schon angelegt ist? Möglicherweise sogar das Beste, was man sich zutraut und was zumindest nicht das Schlechteste für andere ist? Das wäre dann das Optimum, im lateinischen Wortsinn verstanden. Es muss nicht perfekt sein, auch wenn es im Sprachgebrauch damit vermengt wird. Das Optimum schliesst Fehler ein, die Perfektion schliesst sie aus.

Fange bei Dir selbst an!Die Selbstoptimierung ist zu Unrecht in Verruf geraten. Also noch einmal von vorne.Um mit gutem Beispiel voranzugehen, will ich gerne etwas an mir selbst verbessern und mein Bestes geben. Meine Tochter, Studentin, weist mich bereitwillig darauf hin, in welche Richtung das gehen könnte: Ich solle mich nicht mehr so sehr über andere und «die Verhältnisse» aufregen, wie ich es während der Corona-Krise schon des Öfteren gemacht habe, als zu viele die Situation ignorierten.

Souveräner zu werden, würde einem Papa und noch dazu einem Philosophen gut anstehen. Gute Idee, ich will es versuchen, aber wie? Sie zwinkert mir zu: Du machst das schon.Eigentlich, fällt mir ein, befindet man sich bei der Selbstoptimierung in guter Gesellschaft. Immerhin war es, historisch gesehen, ein Anliegen des Humanismus, dass Menschen sich um Besserung und Weiterentwicklung bemühen. Eine humane Gesellschaft stellt dafür Bildung und Chancen zur Verfügung. Und infrage stand nie nur das eigene Selbst, immer war die Arbeit am Ich ein guter Ausgangspunkt dafür, die Gesellschaft zu verändern und die Welt zu verbessern. Aber wie geht das nun, «souveräner zu werden» und mich damit zu optimieren?

Theoretisch glaube ich es zu wissen: Souverän ist, wer über sich selbst verfügt. Soweit das möglich ist. Nicht möglich ist, was Wellness-Klubs plakatieren: sich selbst neu zu erschaffen. Schon das antike «Erkenne dich selbst» («Gnothi seauton») von Delphi warnte genau davor: Erkenne, dass du kein Gott bist. Dass du verletzlich bist, gebrechlich, endlich. Dass du nicht alles ausschliessen kannst, was dich im Leben belasten könnte. Und von wegen erschaffen: Immer bringst du bereits eine Geschichte mit, nie kannst du gänzlich neu anfangen.

Bitte keine PerfektionMit einem besseren Verhältnis zu sich kann auch nicht die Selbstliebe gemeint sein, die mittlerweile beinahe von jeder Kanzel herab verkündet wird, als könne sie das Heil bringen. Eine Optimierung kann ich darin nicht erkennen, weil ich mir eher selbst damit schade: Eine allzu selbstverliebte Beziehung zu sich ist wenig attraktiv für andere.

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Ich will lieber Gespräche führen, in denen ich nicht nur von mir selbst rede. Statt kompliziert zu sein und meine Empfindlichkeiten zu pflegen, will ich es anderen einfacher machen, mit mir umzugehen. Aus meinem engen Ego will ich ein weites Selbst machen, nicht weil das moralisch geboten ist, sondern weil ich vermute, dass das Leben mit einem solchen Selbst bedeutend reicher wird. Kooperation und viele schöne Dinge werden dadurch möglich.

Nötig für diese Art der Selbstoptimierung ist nur, die Kräfte zu gewinnen, die Souveränität ermöglichen. Das betrifft alle Ebenen des Selbstseins. In Bezug auf den Körper wäre es gut, dessen Stärken und Schwächen besser zu kennen, um mich optimal um ihn kümmern zu können. Ich folge gerne dem englischen Modewort «calisthenics» (von griechisch «kalos», schön, und «sthenos», stark), schon wird die Körperarbeit reizvoller.

Aber ich will mich nicht zum Sklaven von intelligenten Waagen, Fitness-Trackern und anderer Wearables machen. Souverän ist, wer sich auch mit unangenehmen Erfahrungen befreundet, die der Körper vermittelt und die niemandem willkommen sind: Schmerzen, Unansehnlichkeit, Krankheit, Älterwerden, Endlichkeit. Trösten kann die Gewissheit, dass kein Körper nur schöne Seiten hat.

Seelisch kann ich mich dem Optimum annähern, wenn ich mich mit Gefühlen befasse. In ihnen kommen die Energien des Lebens zum Vorschein. Es ist erfreulich, wenn es gute Gefühle sind, aber Energien fliessen zwischen gegensätzlichen Polen. Souverän ist, wer anerkennt, dass auch schlechte Gefühle etwas zur Fülle des Lebens beitragen. Zu eliminieren sind sie ohnehin nicht, kein «Befindlichkeitsmanagement», kein Einsatz von Endorphinen als Stimmungsaufheller kann daran etwas ändern.

Wer glaubt, auf ungute Gefühle verzichten zu können, steht bald vor der Frage, ob ein Leben mit ausschliesslich guten Gefühlen noch interessant wäre. Und woher wüsste ich, was Freude ist, wenn ich keinen Ärger mehr kennen würde? Lüste wären graue Normalität, wenn ich nicht auch Unlust und sogar Schmerzen empfinden könnte. Und ausser Sanftmut manchmal auch Wut auf andere und alle Welt – um es dann wieder gut sein zu lassen, mich um Versöhnlichkeit zu bemühen und die frei gewordene Energie zur Arbeit an Optimierungen zu nutzen.

Wer ist hier der Idiot?Letztlich aber ist die Souveränität eine Frage der geistigen Haltung. Die hatte meine Tochter vermutlich vor allem im Blick. Ja, stimmt, ich halte andere manchmal für Idioten und vergesse, dass sie Gründe dafür haben könnten, mich selbst für einen solchen zu halten.

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Es wäre optimaler, mich nicht so sehr in die Ecke meiner Wahrheiten zurückzuziehen und mehr Nachsicht für andere und Geduld für die Entwicklung der Dinge aufzubringen. Es fällt mir nur wahnsinnig schwer mit Blick auf die scheinbar unaufhaltsam wachsende Zahl von regierenden Vollpfosten.

Wahrscheinlich wäre es das Beste, nicht zu erwarten, dass andere sich so verhalten, wie ich es für richtig halte. Kann ich anerkennen, dass sie sich ihre eigenen Gedanken machen? Ich selbst muss doch oft Kompromisse eingehen und kann meinen Einsichten nicht immer lupenrein folgen. Und es gibt eben nicht nur die erfreulichen anderen, die aus mir selbst das Beste hervorlocken, sondern auch diejenigen, die eine Herausforderung sind. Ich will mich nicht gegen «negative» Menschen abschotten, die mich «runterziehen». Auch ich kann eine Zumutung für andere sein, und dann bin ich froh, wenn sie sich nicht abwenden.

Wider die TrägheitVielleicht also doch eine gute Sache, die Selbstoptimierung. Meiner Tochter gefällt sie sowieso: Mehr aus sich zu machen, ist doch gut! Warum ärgert es so viele Intellektuelle, wenn auch nur beiläufig die Rede darauf kommt? Vielleicht weil die Selbstoptimierung, wie gesagt, als Selbstperfektionierung missverstanden wird. Vielleicht aber auch, weil das sichtbare Streben eines Menschen ein stummer Hinweis auf die eigene Trägheit ist.

Es erinnert daran, dass es möglich wäre, mehr zu tun. Misslich ist lediglich, dass das mit Arbeit verbunden ist. Dem ist am besten zu begegnen, indem man anderen die Arbeit madig macht. Auch wenn sie nicht davon abgebracht werden können, tut es doch gut, ihnen entgegenzuschleudern: «Selbstoptimierung!» Oder bin ich jetzt schon wieder dabei, unsouverän zu werden?

Kann ja sein, dass viele Selbstoptimierer, die in der Summe wohl gar nicht so viele sind, unter dem Begriff weiterhin etwas anderes verstehen. Aber der Idee der Selbstoptimierung wäre es dienlich, vom Ziel der Perfektion abzulassen.Wenn nach Corona alles auf dem Prüfstand steht, ist die Gelegenheit günstig für einen Neuanfang. Es spricht nichts dagegen, die Selbstoptimierung selbst zu besetzen und ihr einen anspruchsvolleren Inhalt zu geben. Glücklicherweise ist niemand im Besitz der Markenrechte.

Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin. 2018 ist sein Buch «Selbstfreundschaft» (Insel-Verlag) erschienen.Mehr zum ThemaSelbstoptimierung: Im wohlstandsgesättigten Westen hat das einen schlechten Beiklang bekommen. Zu Unrecht. Wer sich nicht optimiert, hat sich aufgegeben.

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