Soziologie, Sie Stehen Für Das, Was Wissenschaft Sein Sollte: Die Klassiker Der Soziologie Sind Moderner Als İhre Nachfahren, Feuilleton, Nachrichten

Soziologie, Sie Stehen Für Das

Klassiker der Soziologie: Man muss Max Weber und Co. wieder lesen

Die grossen Gestalten der Gesellschaftswissenschaft von Tocqueville bis Max Weber werden gerühmt, aber kaum gelesen. Zu Unrecht.

07.04.2021 20:11:00

Sie stehen für das, was Wissenschaft sein sollte: Die Klassiker der Soziologie sind moderner als ihre Nachfahren. Eine Würdigung von NZZfeuilleton.

Die grossen Gestalten der Gesellschaftswissenschaft von Tocqueville bis Max Weber werden gerühmt, aber kaum gelesen. Zu Unrecht.

ImagoAndere Zeiten, andere Sitten – so auch in der Soziologie: Im 20. Jahrhundert hat es unter Vertretern des Fachs zum guten Ton gehört, sich intensiv mit «Klassikern» zu beschäftigen. Davon kann heute keine Rede mehr sein, denn neuerdings erhalten Soziologen für das ausgiebige Klassikerstudium typischerweise nicht Zuspruch, sondern Skepsis: Wer – ausser ein paar Ewiggestrigen – will sich schon mit alten, weissen, sich notorisch elitär verhaltenden Männern auseinandersetzen?

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Von solcher «Klassikerdämmerung» (Thomas Schwinn) nicht abschrecken lässt sich Hans-Peter Müller. Der emeritierte Soziologieprofessor der Berliner Humboldt-Universität widmet sich seit Jahrzehnten in dezidiert unzeitgemässer Manier den grossen Figuren der Soziologiegeschichte. Dies auch in seinem unlängst erschienenen Buch über «Klassiker der soziologischen Zeitdiagnose»: Auf überzeugende Art zeigt Müller darin unter anderem auf, dass die namhaften Akteure der Sozialwissenschaft über Gemeinsamkeiten verfügen – und nach wie vor eine enorme Aktualität besitzen.

Alexis de Tocqueville, Karl Marx, Emile Durkheim, Georg Simmel und Max Weber verfolgen zwar unterschiedliche Ansätze, formulieren aber ähnliche Problemstellungen, eine ähnliche Gesellschaftsanalyse und eine ähnliche Gesellschaftskritik, so ein Fazit von Müller: Die Forschungsprogramme dieser Denker richten sich allesamt auf die «grosse Transformation» von traditionellen zu modernen Gesellschaften. Mit Blick auf Letztere versuchen die Gelehrten dann gleichermassen, diese Gesellschaften einerseits umfassend zu analysieren, andererseits sie ausgiebig zu kritisieren. headtopics.com

Max Weber war kein «Anti-Marx»Von Tocqueville über Marx und Durkheim bis zu Weber und Simmel geht es so gesehen im Grunde genommen primär darum, die «drei Revolutionen der Moderne» in kritischer Absicht zu beleuchten. Was die «politische Revolution» der Demokratie, die «ökonomische Revolution» des Kapitalismus und die «kulturelle Revolution» des Individualismus für den Menschen, für seine Existenz, für seine Freiheit und seine Lebensführung bedeuten – vornehmlich diese Fragestellung ist es, welche als «Erbe der soziologischen Klassik» bezeichnet werden kann.

In der soziologiegeschichtlichen Forschung ebenso wie im allgemeinen Bewusstsein gelten viele der klassischen Gesellschaftstheoretiker üblicherweise als Antipoden. Umso erfrischender ist es, wie Müller aufzeigt, dass diese Auffassung kaum zu halten ist. So ist Weber nicht, wie immer wieder behauptet wird, ein «Anti-Marx». Eher wäre das Gegenteil der Fall. Gewiss gibt es zwischen den zwei Theoretikern methodische, weltanschauliche und andere Differenzen, bei ihren Ausführungen zu Herkunft, Eigenart und Problematik der modernen Welt finden sich jedoch zahlreiche Übereinstimmungen.

Beide halten herzlich wenig von der konventionellen Vorstellung, wonach der Wechsel von traditionellen, agrarisch-feudalen Ständegesellschaften hin zu modernen, industriell-kapitalistischen Klassengesellschaften ausschliesslich einen «Fortschritt» darstellt. Sie wissen nämlich um die unzähligen Ambivalenzen dieser Entwicklung, vor allem um den Umstand, dass die durch den Kapitalismus bedingte Konzentration von Reichtum eine Gefahr für die Demokratie darstellt und zumindest unter gewissen Bedingungen weder freiheits- noch gleichheitsfördernd ist.

Die zornigen ZeitdiagnosenHans-Peter Müllers Buch wirft ein Schlaglicht nicht nur auf die Geschichte, sondern auch auf die Gegenwart der Soziologie. Bei der Lektüre wird erkennbar, dass die Geschichte des Fachs ebenso wie die Geschichte der Moderne keine reine Fortschrittsgeschichte ist: Gegenwärtige Repräsentanten der Sozialwissenschaft – von bei Müller positiv hervorgehobenen Ausnahmeerscheinungen wie Hartmut Rosa, Andreas Reckwitz oder Steffen Mau abgesehen – kommen selten in die Nähe des intellektuellen Niveaus der Klassiker. headtopics.com

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Mittlerweile sind die Forschungsprogramme häufig nicht mehr so gross, die Gesellschaftsanalysen oft nicht mehr so grundlegend und die Gesellschaftskritik meist nicht mehr so polemisch wie früher. Gewiss nicht ausschliesslich, aber in erster Linie mit Sicht auf den seit längerem zu beobachtenden Rückgang von zornigen Zeitdiagnosen ist der Strukturwandel im soziologischen Denken erfassbar, betreiben doch die typischen Soziologen heutzutage weniger «die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden» (Marx) als vielmehr eine schlichte Beschreibung der Empirie.

Das ist bei den Klassikern anders. Die Klassiker stehen für eine durch und durch kritische, sich gegen fast alle Facetten der modernen Gesellschaft wendende Intellektualität: Tocqueville, Marx, Weber und Co. sind fähig gewesen, sogar das, was sowohl sie selbst als auch ihr Umfeld grundsätzlich als positiv erachteten, kritisch zu hinterfragen. Liegt nicht vielleicht auch darin, um mit Müller zu sprechen, das «Erbe der soziologischen Klassik»?

Abrechnung mit dem BürgertumDie Fähigkeit zur Distanz gegenüber sich selbst und seinesgleichen zeugt jedenfalls von intellektueller Unabhängigkeit. Tocqueville war Aristokrat – und kritisierte die Aristokratie mehrfach. Marx war Kommunist – und geisselte den Kommunismus abermals. Weber rechnete sich dem Bürgertum zu – und legte trotzdem eine ungemein drastische Abrechnung mit dem «satten», sich konformistisch mit dem Status quo zufriedengebenden Bürger vor.

Insofern sind diese alten, weissen Männer keineswegs so überholt, wie etliche Angehörige sozialwissenschaftlicher Institute glauben: Sie zeigen nach wie vor, wie eine emanzipierte Erforschung des sozialen Lebens aussehen könnte. Wer sie ausser Acht lässt, verpasst den Einblick in eine wagemutige Wissenschaft – und hat wohl keine Ahnung davon, was Soziologie eigentlich sein kann. headtopics.com

Hans-Peter Müller: Krise und Kritik. Klassiker der soziologischen Zeitdiagnose. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2021. 419 S., Fr. 34.50. Weiterlesen: Neue Zürcher Zeitung »