Jüngere Geschwister haben einen Nachteil – aber nicht ein Leben lang

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Jüngere Geschwister haben einen Nachteil – aber nicht ein Leben lang.

Leben, Familie

2/16/2020

Jüngere Geschwister haben einen Nachteil – aber nicht ein Leben lang.

Jeder wird stark geprägt durch die Geschwisterkonstellation in seiner Familie . Wissenschafter versuchen, die Ungerechtigkeiten in Zahlen festzumachen. Doch der Nachteil von Zweitgeborenen ist nicht lebenslänglich.

Gesundheit und der Schulbildung liegt es auch nicht: Zweitgeborene sind gesünder, haben weniger Behinderungen und besuchen gleich gute Schulen wie die Erstgeborenen. Erwiesen ist auch, dass es in der Geburtenfolge keine Persönlichkeitsunterschiede wie Extrovertiertheit, Fantasie oder Selbstbewusstsein gibt. Zweitgeborene sind zwar etwas introvertierter, hyperaktiver sowie weniger gewissenhaft – doch der Unterschied ist winzig. Erstgeborene haben gleich mehrere Vorteile Aber was ist mit der Intelligenz? Mehrere grosse Studien stellten bei Zweitgeborenen im Vergleich mit Erstgeborenen ein bis zwei IQ-Punkte weniger fest – und einen noch grösseren Unterschied zu Drittgeborenen. Auch wenn viele Forscher diese Differenz im Leben als bedeutungslos klassieren, ist es bemerkenswert, wie sie zu Stande kommt: Jüngere Geschwister werden nicht etwa weniger intelligent geboren, sondern schlicht weniger gefördert. Zwar lernen die Jüngeren schnell und viel von den Älteren, doch die Erstgeborenen haben möglicherweise einen noch grösseren Lerneffekt, weil sie ihre Fähigkeiten nicht nur üben, sondern auch noch den Geschwistern beibringen können. Entwicklungsforscher haben schon länger bemerkt, dass Zweitgeborene später zu sprechen beginnen, denn die Eltern haben weniger Zeit, sich mit ihnen zu unterhalten, als es beim Erstgeborenen der Fall war. Drittgeborene haben diesen Nachteil nicht, weil dann das älteste Geschwister redegewandt genug ist, statt der Eltern Sprachlehrer zu sein. In Stein gemeisselt ist die Rollenverteilung heute fast nur unter Königskindern: Prinz Harry (rechts) blieb nur die Rolle als Querschläger hinter seinem Bruder und Thronfolger William. Bild: AP Gleichzeitig kommt es zwischen Geschwister häufiger zu Rivalitäten, je geringer der Altersunterschied ist. Auch in der aktuellen Studie zur Geburtenfolge zeigt sich ein Nachteil, wenn der Altersabstand klein ist: Das Risiko für Kriminalität ist höher, wenn die Geschwister weniger als zweieinhalb Jahre Altersdifferenz haben. Auch für die Eltern wird der Stress im Alltag grösser, wenn das erste Kind noch klein ist und das zweite schon folgt. Hinzukommt, dass sich ihre Aufmerksamkeit halbiert. Das könnte das höhere Kriminalitätsrisiko erklären. Die Studienautoren weisen darauf hin, dass das Erstgeborene nicht nur während der ersten Jahre von der vollen Energie der Eltern profitiert, sondern vermutlich ein zweites Mal zusätzliche Aufmerksamkeit erhält, wenn die Mutter wegen des zweiten Kindes im Mutterschaftsurlaub ist. In Dänemark, wo der Mutterschaftsurlaub länger ist als in Florida und die Kinder näher aufeinander geboren werden, ist der Effekt der Geburtenfolge denn auch besonders ausgeprägt. Und wenn Mütter erst nach ein paar Jahren wieder zur Arbeit gehen, sind die Zweitgeborenen logischerweise immer jünger als die Erstgeborenen. Dass Eltern weniger in das Zweitgeborene investieren, zeigt sich schon vor der Geburt: Frauen verpassen eher pränatale Untersuchungen und verzichten weniger strikt auf Alkohol . Die zweitgeborenen Babys stimulieren sie dann kognitiv weniger. Und nun? Denken Sie als Zweitgeborene daran, wie sehr Sie zu kurz gekommen sind? Oder denken Sie als Erstgeborener, wie sehr Sie immer vernünftig sein mussten und Ihrem kleineren Geschwister automatisch gestattet wurde, was Sie sich hart erkämpfen mussten? Gut möglich, denn es ist ein emotionales Thema. Und das zu Recht: Geschwister prägen uns extrem. Die Entwicklungspsychologie geht heute sogar davon aus, dass Geschwister in vielen Fällen mehr prägen, als die Eltern. Und es wäre doch schön, wenn die Wissenschaft mit Zahlen erhärten würde, was wir längst zu wissen glauben: Dass, selbst wenn wir es gut hatten als Kinder, die Geschwister es besser hatten. Es ist schwierig, sich aus den alten Rollen zu befreien Nicht alle schaffen es, ihre Geschwister-Beziehung auf eine erwachsene Ebene zu bringen. Es gibt diese Momente, wo sich Schwager und Schwägerin einen verstohlenen Blick zuwerfen, weil sich ihre Partner oder Partnerinnen zanken wie früher im Kinderzimmer. «Manche fallen rasch in die alten Rollen zurück, wenn sie sich treffen», sagt die Luzerner Psychotherapeutin Esther Oertli. Das trifft wohl auch auf die Pensionärin Mirjam zu, die schildert, wie ihre jüngere Schwester sie noch heute am Telefon mit Vorwürfen eindecke und ihr aus heiterem Himmel alle Schande sage. Sie habe sogar einmal eine Therapie begonnen deswegen. In solchen Extremfällen leiden nicht nur die Verlierer unter den Geschwistern, sondern beide. Es ist eine Legende, dass amerikanische Präsidenten häufiger Erstgeborene sind: 14 sind Erstgeborene, 23 Mittelkinder, 7 die Jüngsten. John F. Kennedy (ganz links im Familienbild) war der Zweitgeborene in der Familie mit neun Geschwistern. Bild: AP/Kennedy Family Collection, Courtesy of the John F. Kennedy Library Foundation Nur erklärt die Geburtenfolge alleine nicht all die Grabenkämpfe. Auf die Kriminalität beispielsweise hat das Milieu einen viel grösseren Effekt: Die weniger privilegierten Kinder in der genannten Studie hatten eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden. Auch die Arbeitstätigkeit von Müttern per se hat wohl keinen negativen Effekt: Die Kriminalität von Kindern ist in jenen Haushalten höher, wo die Mutter ein Jahr nach der Geburt keinen Job hat. «Es scheint, dass die Vorteile von mütterlicher Arbeitstätigkeit wie zum Beispiel ein höheres Einkommen stärker sein könnten, als der Nachteil der Abwesenheit zuhause», schreiben die Autoren. «Die Frage der Zuwendungszeit ist sowieso fragwürdig», sagt Geschwisterpsychologe Jürg Frick, «es kommt auf die Qualität an. Also, ob die Eltern angemessen aufs Kind eingehen oder nur oberflächlich.» Er steht solchen Studien zu Geschwisterkonstellationen kritisch gegenüber und betont, sie seien individuell sehr verschieden. Unbestritten sind die Tendenzen: Ältere Geschwister dominieren ihre Jüngeren eher. Die Jüngeren zeigen häufiger Bewunderung und ahmen die Grösseren nach. Und die elterliche Aufmerksamkeit ist in den ersten Lebensjahren von Zweitgeborenen nicht die gleiche, wie bei Erstgeborenen. Abgesehen davon ist vieles möglich: Manche «Sandwich»-Kinder finden es das Beste, was ihnen passieren konnte, dass sie von den Älteren Hilfe bekamen und den Kleineren Dinge zeigen konnten. Und währen manche Erstgeborene die Verantwortung geniessen, die ihnen zuteil wird, berichten andere, dass sie es lästig fanden oder gar fast daran zerbrochen seien. «Die Wahrnehmung ist ein wichtiger Faktor», sagt Frick, «es kommt darauf an, wie ein Kind seine Rolle auffasst.» Und Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie im Säuglings- und Kindesalter an der Universität Zürich, gibt zu bedenken: «Die Erwartung, die man als Eltern und als Gesellschaft an die Kinder hat, darf man nicht unterschätzen. Insofern kann auch die Erwartung, dass der Jüngste eben der Rebell ist, durchaus einen Einfluss auf dessen Selbstwahrnehmung haben.» Geschwister werden sich ihrer Rolle meist erst später bewusst Kein Wunder, sind sich Geschwister selten einig, wie die Rollen in der Familie verteilt waren. Extreme Fälle von Bevorzugung gibt es, wenn Eltern bewusst oder unbewusst ein Kind mit seinen Eigenschaften sympathischer finden oder eines ablehnen. Und ohne bösen Willen haben jene Eltern das Selbstvertrauen ihrer Tochter für lange Zeit geschwächt, die sie oft mit den beiden älteren Brüdern verglichen und Dinge sagten, wie «Wieso kannst du das nicht so schnell wie...», «Nimm dir ein Beispiel an...» Die heute erwachsene Frau sagt: «Ich begann meine Stellung erst später zu hinterfragen.» Das erste Mal, als sie hörte, wie die Schwägerin zu ihrem Sohn ebenfalls sagte: «Nimm dir doch ein Beispiel an...» Geschwister werden sich ihrer früheren Rolle oft erst als Erwachsene bewusst und können sich auch erst dann daraus befreien. Eine 29-jährige Drittgeborene mit fünf Geschwistern sagt: «Erst heute wird mir klar, wie sehr mich meine beiden grösseren Schwestern herumkommandiert haben. Damals war es normal für mich. Sie waren riesige Vorbilder. Es dauerte lange, bis ich merkte, dass sie nicht allwissend sind.» Und heute? «Sie sind stolz auf das, was ich in den letzten zehn Jahren alles geschafft habe», sagt die junge Frau und man hört, dass ihr diese späte Anerkennung wichtig ist. Zwar kann man nicht wählen, in welche Familie und welche Geschwisterkonstellation wir hineingeboren werden – aber immerhin kann man die Gegenwart ändern. Psychotherapeutin Esther Oertli sagt: «Es ist hilfreich zu wissen, was man in seinem Rucksack an Erfahrungen und allenfalls alten Wunden trägt. So kann man verstehen, dass es beispielsweise wenig mit dem Partner zu tun hat, wenn man in gewissen Situationen immer wieder ungewöhnlich heftig reagiert.» Und sowieso: Der Ausgang ist offen. Es ist nicht in Stein gemeisselt, dass Kinder, die von den Eltern bevorzugt wurden, erfolgreicher sein werden im Leben. Hingegen können Zweitplatzierte eine Unabhängigkeit und Selbstständigkeit entwickeln, die sie die Welt entdecken lässt. «Das ist doch gut so», sagt Frick, «sonst wäre jede Generation ferngesteuert von der letzten». Eltern, die absolut fair sein möchten, entlastet diese Einsicht. Und das Versöhnliche am Wettkampf um den ersten Platz ist: «Rivalität ist entwicklungsfördernd und unverzichtbar.» Das schreibt Frick in seinem Buch «Ich mag dich – du nervst mich!» Im geschützten Rahmen lernen Geschwister nicht nur streiten, sondern sich meistens wieder zusammenzuraufen. Frick ist überzeugt: «Geschwisterliches Kräftemessen ist nützlich, um zu Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein zu gelangen.» Im Unterschied zu Freundschaften sei ein totaler Beziehungsabbruch während der Kindheits- und Jugendjahre nicht möglich. Das ist eine Chance, die das weitere Leben nie mehr in dieser Form bieten kann. Weniger als 8 von 10'000 Mädchen, aber 271 von 10'000 Buben sind in Dänemark im Alter von 21 Jahren verurteilt. Über die statistische Kriminalität von zweitgeborenen Mädchen lässt sich deshalb keine Aussage machen. Die besten Geschenke von Kindern an ihre Eltern Auf der Suche nach ihren Geschwistern Das könnte dich auch interessieren: «Etwas pendeln»: Was der Bundesrat im Kampf gegen die SVP besser machen muss Weiterlesen: watson News

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