Im nächsten Krieg

05.12.2022 14:52:00

Afghanen kämpfen mit Waffen gegen Afghanen: Der Russland-Ukraine-Krieg macht dieses katastrophale Dilemma möglich.

In der Ukraine kämpfen Afghanen auf beiden Seiten. Die einen als Söldner Putins. Die anderen verteidigen ihre neue Heimat, in die sie einst vor einer russischen Invasion geflüchtet sind. Eine Recherche von Emran_Feroz.

Afghanen kämpfen mit Waffen gegen Afghanen: Der Russland-Ukraine-Krieg macht dieses katastrophale Dilemma möglich.

New York Times » dokumentierten die Jagd auf Ex-Soldaten in zahlreichen Provinzen.Wie prüft SRF die Quellen in der Kriegsberichterstattung? Box aufklappen Box zuklappen Die Informationen zum Ukraine-Krieg sind zahlreich und zum Teil widersprüchlich.Publiziert heute um 00:18 Uhr 5 5 Deutschland brauche jetzt Waffen, die auch da seien, wenn es ernst werde: Kanzler Olaf Scholz Ende August auf einem deutschen Flakpanzer des Typs Gepard.Publiziert heute um 00:18 Uhr 55 55 Deutschland brauche jetzt Waffen, die auch da seien, wenn es ernst werde: Kanzler Olaf Scholz Ende August auf einem deutschen Flakpanzer des Typs Gepard.

Viele von ihnen gehörten einst den Kommando­einheiten an, die bei den Taliban bis heute verhasst sind.Zum Beispiel Abdullah.Weitere wichtige Quellen sind Augenzeugen – also Menschen vor Ort, die Eindrücke vermitteln können.Abdullah glaubte an die Amnestie der Taliban und entschied sich deshalb, zu bleiben.Um diesen Artikel vollständig lesen zu können, benötigen Sie ein Abo.Ende Oktober wurde er von bewaffneten Männern in seiner Heimat­provinz Nangarhar aus dem Haus eines Freundes gezerrt und erschossen.Denn alle Kriegsparteien machen Propaganda – in diesem Angriffskrieg vor allem die russischen, offiziellen Quellen.Die Fotos seines Leichnams machten unter seinen einstigen Kameraden die Runde, auch ich habe sie gesehen.

«Wie sollen wir den Taliban Glauben schenken, wenn täglich solche Dinge geschehen?», fragt Mustafa.Grundsätzlich gilt bei SRF: Je schwieriger und unzuverlässiger die Quellenlage, desto wichtiger ist Transparenz.In den letzten Monaten teilten Hunderte von Soldaten Abdullahs Schicksal.Aber die Taliban-Führung weist jegliche Vorwürfe von sich und behauptet, dass die Amnestie weiterhin gelten würde.Quellen: Agenturen und SRF.Für die Morde seien sogenannte «abtrünnige Elemente» innerhalb der Gruppierung verantwortlich; Kämpfer, über die man die Kontrolle verloren habe und die persönliche Fehden mit den Ex-Soldaten ausfechten würden.Doch viele Beobachterinnen halten das für wenig glaub­würdig.

«Die Jagd findet systematisch statt und wird von der Führung toleriert», sagt der Ire , ein Afghanistan-Kenner, auf Anfrage der Republik.Hauptsache Geld – und gegen die USA Manche der «Atalan» (Paschtunisch für «Sieger»), wie die Soldaten der afghanischen Armee einst von Ghanis gefallener Regierung und deren Unterstützern genannt wurden, dachten nach der Macht­übernahme durch die Taliban noch, dass sie ihren Kampf in Afghanistan fortsetzen würden.Und tatsächlich bekämpfen etwa die Milizen der Nationalen Widerstands­front die Taliban bis heute, vor allem in den Regionen Pandschir und Andarab.Unter ihnen befinden sich ehemalige Militärs.Doch die Taliban sind mittler­weile hochgerüstet.

Eine ausländische Akteurin, die die Milizen finanziell und logistisch unterstützen könnte, ist nicht in Sicht.Deshalb haben viele der einstigen Kameraden Afghanistan verlassen.Jetzt bereiten sie sich im Iran auf einen neuen Kampf vor.«Was sollen wir denn tun? Wir können nur kämpfen! Uns wurde nichts anderes beigebracht», sagt Samim hörbar verzweifelt in der Whatsapp-Gruppe.Zur Verzweiflung kommt angestauter Frust.

Und zwar gegen jene, die die Soldaten einst ausgebildet haben: die Amerikaner.«Viele wollen nun für Russland kämpfen.Gegen die Ukraine.Sie fühlen sich von den USA seit dem Abzug verraten und wollen es ihnen auf diese Art und Weise heimzahlen», sagt Mustafa.In den vergangenen Wochen haben russische Akteure sich mit den Ex-Soldaten der afghanischen Armee und deren einstigen Vorgesetzten in Verbindung gesetzt.

Das Angebot: Wer wieder kämpfen wolle, sei herzlich willkommen, und zwar in jenen Gebieten der Ukraine, die von Russland besetzt sind.Der versprochene Sold: 3000 US-Dollar pro Monat.Dass Samim und die anderen Kämpfer sich im Iran befinden, der mit Russland eng verbündet ist, kommt den Vertretern des russischen Militärs sowie der berüchtigten Gruppe Wagner gelegen: der Söldner­truppe, die bekannt ist für verdeckte Operationen und hybride Kriegs­führung, die eng mit dem russischen Verteidigungs­ministerium sowie dem Geheim­dienst verstrickt ist; und die für zahlreiche Kriegs­verbrechen im Nahen Osten, in Nordafrika und mittler­weile auch in der Ukraine verantwortlich gemacht wird.Vertreter der Gruppe Wagner sollen im Iran afghanische Ex-Militärs getroffen haben.Die Rekrutierung der afghanischen Soldaten verläuft unkompliziert.

Interessenten müssen nur ein Verbindungs­büro aufsuchen und ein Formular ausfüllen.Als Vermittler fungieren Männer, die einst selbst Teil der afghanischen Armee waren: Ex-Militärs mit höheren Rängen.Sie waren im August 2021 auch einer der Gründe für den Zusammen­bruch des afghanischen Sicherheits­apparates: Der war zersetzt von Korruption.Nun scheinen manche von ihnen erneut die Chance zu wittern, schnelles Geld zu verdienen.«Helft mir bitte.

Ich brauche eure Zusammen­arbeit, um schnell rekrutiert zu werden», sagt ein Ex-Soldat in Mustafas Whatsapp-Gruppe.Zwei einstige Kameraden aus der Provinz Tachar hätten ihm geraten, sich hier zu melden, schreibt ein anderer.Mittler­weile lassen sich laut Mustafa und anderen Soldaten, die mit mir sprechen, auf den Listen der potenziellen Rekruten mindestens 3000 Namen finden.Ähnliches sagte jüngst auch General Abdul Raouf Arghandiwal in einem Interview mit Radio Free Europe.Laut Arghandiwal, der einst für das afghanische Verteidigungs­ministerium in führender Position tätig war und selbst die Kommando­einheiten anführte, will die Gruppe Wagner mindestens 2000 afghanische Ex-Soldaten in zwei Phasen rekrutieren.

Personen, die erfolgreich Anwerber rekrutieren, wurde nicht nur ein hoher Sold versprochen, sondern auch russische Aufenthalts­dokumente.Mehrere Dutzend Soldaten sollen den Iran bereits in Richtung Russ­land verlassen haben.«Sie sind auf dem Weg in den Krieg», sagt Mustafa.Für ihn ist es schwer, die Rekrutierung mitzu­erleben.Er ist davon überzeugt, dass seine einstigen Mitstreiter fernab von ihrer Heimat als russisches Kanonen­futter verheizt werden sollen.

Tatsächlich kommt das afghanische Militär­personal Putin gelegen.Der Krieg in der Ukraine wird auch in Russland zunehmend unbeliebter.Doch tote Ausländer kümmern weniger als gefallene Russen.Die afghanischen Ex-Soldaten sind nicht nur gut ausgebildet, wichtiger ist: Niemand interessiert sich für sie.Ihre einstigen amerikanischen Verbündeten haben sie fallen­gelassen, und die neuen Taliban-Macht­haber werden sich kaum für ihre Interessen als Bürger einsetzen.

«Der Afghane» in der ukrainischen Armee Keinerlei Verständnis für diejenigen, die für Russland in den Krieg ziehen, hat Jalal Noori.Seit 24 Jahren lebt der Afghane in der Ukraine, seiner zweiten Heimat.Heute verteidigt er sie mit der Waffe als Kommandant der ukrainischen Armee.Seit Beginn der russischen Invasion kämpft Noori vor allem in der Region Kiew, wo er zahlreiche Gräuel­taten der russischen Armee miterlebt habe.«Die Ukraine ist mein Zuhause.

Ich kämpfe und nehme jeden Befehl an, ohne ihn zu hinter­fragen», sagt Noori während eines Video­telefonats zu mir.Er war auch während des Krieges im Jahr 2014 im Osten der Ukraine an der Front.In den letzten Monaten wurde der Afghane über soziale Medien bekannt.Dort erläutert er seine Beweg­gründe für den Kampf und macht auf den grausamen Alltag des Krieges aufmerksam.Seine eigene Flucht­geschichte spielt dabei eine besondere Rolle: «Russland hat meine Heimat schon einmal zerstört.

Ich lasse das nicht noch mal geschehen», sagt Noori.Er spielt auf die sowjetische Invasion Afghanistans im Jahr 1979 an.Damals überfielen bewaffnete Spezial­einheiten Kabul, um ihren eigenen Verbündeten, den kommunistischen Diktator Hafizullah Amin, zu ermorden.Im Anschluss installierten sie einen gehorsamen Statt­halter.Damit begann die insgesamt zehn­jährige sowjetische Besatzung Afghanistans.

Bereits zuvor war die Sowjetunion in Afghanistan aktiv gewesen, die sich als links verstehende Demokratische Volkspartei Afghanistans (PDPA) war jahrelang von Moskau unterstützt worden.Führende Partei­funktionäre standen auf der Gehalts­liste des KGB.Kurz vor der sowjetischen Invasion, 1978, hatte die PDPA einen blutigen Putsch geführt und ihr Schreckens­regime errichtet.Ihre Verbrechen trieben Hundert­tausende Afghanen in die Hände der islamistischen Mudschaheddin-Rebellen, die damals von den USA, Saudi­arabien, Pakistan und zahlreichen weiteren Staaten unterstützt wurden.Die sowjetische Besatzung sowie der damit verbundene Stellvertreter- und Bürgerkrieg kostete zwischen ein und zwei Millionen Afghaninnen das Leben und trieb Millionen in die Flucht.

Viele Afghanen sehen im Putsch der PDPA sowie der sowjetischen Besatzung den Beginn jener Konflikte, die bis heute nicht aufhören.Nach der Flucht seiner Familie lebte Noori in der Ukraine.Bis zu Beginn des Krieges im Februar 2022 bestand die afghanische Diaspora offiziellen Angaben zufolge aus mindestens 5000 Menschen.Viele Afghanen nahmen im Laufe der Zeit die ukrainische Staats­bürgerschaft an, es gab Misch­ehen.Doch im Zuge des Krieges mussten viele von ihnen ein zweites Mal fliehen.

Auch die Familie von Jalal Noori lebt mittler­weile nicht mehr in der Ukraine.«Das ist besser.Ich weiss, dass sie in Sicher­heit sind, und kann mich so auf den Kampf konzentrieren», sagt «der Afghane», wie Noori von seinen Kameraden genannt wird.In den letzten Wochen und Monaten musste die russische Armee zahlreiche Rück­schläge hinnehmen.Und in den russischen Teil­republiken Tschetschenien und Dagestan regt sich Widerstand gegen die Zwangs­rekrutierung junger muslimischer Männer.

Ein Grund hierfür ist auch die imperialistische und anti-muslimische Politik Russlands in der Region.Es ist kein Zufall, dass auf­seiten der Ukraine Tschetschenen, Tatarinnen und andere muslimische Minder­heiten kämpfen.Viele von ihnen wurden aus ihrer Heimat vertrieben und mussten vor ethnischen Säuberungen fliehen.Etwa während der Tschetschenien-Kriege in den 1990er- und 2000er-Jahren.Oder 2014, als Russland die Krim annektierte und viele Krim­tataren aufs ukrainische Fest­land flohen.

Dass nun Muslime auf­seiten Putins «geopfert» werden, macht Noori, der selbst ein gläubiger Muslim ist, besonders traurig.«Wer für Putin kämpft, kommt sicher nicht ins Paradies», sagt er.Dass er sich demnächst womöglich seinen afghanischen Lands­männern stellen muss, macht ihn umso betroffener.Gemäss Mustafa und Samim haben die ersten Kämpfer vor wenigen Tagen den Iran verlassen und mittler­weile Russland erreicht.Nach einem kurzen Waffen­training sollen sie an die Front geschickt werden.

Mustafa hat zu manchen seiner einstigen Kameraden keinen Kontakt mehr.Auch auf ihren Facebook-Profilen tut sich nichts mehr.General Arghandiwal sagte im oben erwähnten Interview , fünfzehn Männer hätten den Iran bereits Ende Oktober verlassen.«Sie werden einfach in einen Fleisch­wolf geworfen», sagt Jalal Noori.Sein Auf­ruf an die Soldaten der afghanischen Armee: «Wenn ihr unbedingt kämpfen wollt, kommt und schliesst euch uns an!» Dass Russland mittler­weile Afghanen rekrutiert, hat auch die Ohren der Taliban erreicht.

Während eines Treffens jüngst in Kabul haben Taliban-Vertreter russische Offizielle mit den Vorwürfen konfrontiert.Sie stritten sie allesamt ab, ähnlich wie es einst das iranische Regime tat, das in Syrien, ebenfalls gemeinsam mit Russland, afghanisch-schiitische Milizen einsetzte (und das bis heute tut).«Die Russen meinten, dass jegliche Berichte Fake News seien.Wir sollen ihnen glauben und sonst niemandem», sagt ein Mitarbeiter des Aussen­ministeriums der Taliban am Telefon zu mir.Seit seiner Macht­übernahme wurde das Taliban-Regime zwar von keinem Staat der Welt offiziell anerkannt.

Die Zusammen­arbeit mit einigen Ländern, darunter auch Russland, gibt es dennoch.Wie viele Afghanen gegen­wärtig wie Jalal Noori unter ukrainischer Flagge kämpfen, lässt sich schwer sagen.«Mein Sohn kämpft für sein Mutter­land und das verstehe ich», sagt etwa Mohammad Ahmadi aus der ukrainischen Hafen­stadt Odessa, wohin es in den letzten Jahrzehnten viele Afghaninnen verschlagen hat.Kurz nach seiner Ankunft heiratete Mohammad eine Ukrainerin.Ihr gemeinsamer Sohn ist Polizist, jetzt setzt er seine Waffe gegen die russischen Angreifer ein.

Für die meisten dieser Menschen ist nicht nur der afghanische Teil ihrer Identität wichtig, sondern vor allem auch der ukrainische.Das betont auch Noori, der gegen­über seinen afghanischen Lands­männern ebenfalls keine Gnade walten lassen will.«Wer in dieses Land eindringt und für Russ­land kämpft, ist mein Feind.Ich werde ihn bekämpfen, auch wenn es sich um einen Afghanen handelt.» Hinweis: In einer früheren Version war von afghanischen Soldatinnen beziehungsweise Kämpferinnen die Rede.

Wir haben allerdings keine Hinweise, dass im Krieg zwischen Russland und der Ukraine auch Afghaninnen kämpfen.Wir haben die betreffenden Passagen deshalb angepasst.Zum Autor Emran Feroz ist austro-afghanischer Journalist.Er berichtet regel­mässig aus und über Afghanistan, meist für deutsch- und englisch­sprachige Medien wie «Foreign Policy», Deutschland­funk Kultur oder die WOZ.2021 erschien sein Buch über den Afghanistan­krieg, «.

Weiterlesen:
Republik »
Loading news...
Failed to load news.

Krieg in der Ukraine - Selenski: Schutz des Zuhauses ist die grösstmögliche MotivationDas Neueste zum Krieg in der Ukraine: Der ukrainische Präsident WolodimirSelenski appelliert an seine Bevölkerung. Die grösstmögliche Motivation sei der Schutz des eigenen Zuhauses. Mit dem ukrainischen Schutz des Landes wird gleichzeitig der völkermordende Moloch Russland von Kerneuropa ferngehalten.

Krieg in der Ukraine – Deutschland will keine Schweizer Munition mehr kaufenDie Regierung in Berlin und die deutsche Rüstungsindustrie arbeiten daran, unabhängig von der Produktion in der Schweiz zu werden. Dabei geht es um viel mehr als den Gepard.

Krieg in der Ukraine – Deutschland will keine Schweizer Munition mehr kaufenDie Regierung in Berlin und die deutsche Rüstungsindustrie arbeiten daran, unabhängig von der Produktion in der Schweiz zu werden. Dabei geht es um viel mehr als den Gepard. (Abo) Im vergangenen Jahr machten die Schweizer Kriegsmaterialexporte gemäss Bundesangaben nur 0,2 Prozent der gesamten Schweizer Warenexporte aus. War ja zu erwarten. Die Schweizerische Rüstungsindustrie oder was noch davon übrig ist kann sich beerdigen lassen. Wir können dann unserer heuchlerische Empörung über waffenproduzierende Staaten freien Lauf lassen. Würde ich an derer Stelle auch machen. Wer will sich im Ernstfall schon auf jemanden verlassen müssen der gar nicht verlässlich ist?

Ukraine Krieg: Abschuss von gefürchtetem Russen-HeliSelenskyjs Streitkräfte schossen im Ukraine-Krieg einen russischen Ka-52-Helikopter ab. Zwei der besten Piloten Russlands sollen nun tot sein. news ukraine

Ukraine-Krieg: Elon Musks Starlink verdoppelt Internet-PreiseIm Ukraine-Krieg sind die Ukrainer auf eine stabile Netzwerkverbindung angewiesen. Nun hat Starlink wegen steigender Nachfrage seine Preise verdoppelt.

London: Zustimmung der Russen zum Ukraine-Krieg stark gesunkenNach Angaben des britischen Geheimdienstes dürfte es dem Kreml zunehmend schwerfallen, den Ukraine-Krieg gegenüber der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen.