«Es geht einfach alles zu schnell»

Coronavirus

Die Kantone würden zu spät über aktuelle Entwicklungen zum Coronavirus informiert, sagt der oberste Kantonsarzt – und kritisiert den Bund.

Coronavirus

2/25/2020

Der Präsident der Kantonsärzte sagt, dass die sich ständig ändernde Informationslage in Sachen Coronavirus die Arbeit verkompliziere. (Abo+)

Die Kantone würden zu spät über aktuelle Entwicklungen zum Coronavirus informiert, sagt der oberste Kantonsarzt – und kritisiert den Bund.

Coronavirus eingebunden. Was ist für Sie die grösste Schwierigkeit? Die Kommunikation. Wenn man sich das Coronavirus nüchtern anschaut, ist es eigentlich einfach ein weiteres, allerdings ernst zu nehmendes Virus. Was die Situation für uns so schwierig macht, ist die ständig neue Informationslage. Insbesondere seit dem Wochenende und dem Ausbruch in Italien geht alles drunter und drüber. Wir, die in den Kantonen an der Front arbeiten, spüren das sofort. Dann müssen wir versuchen, uns mit anderen Kantonen abzustimmen und uns epidemiologisch richtig zu verhalten. Das Problem ist: Wenn wir uns abstimmen und koordiniert handeln, werden wir bei der Umsetzung von der Realität überholt. Es geht einfach alles zu schnell. Sie werden aber vom Bundesamt für Gesundheit unterstützt, oder? Ja. Es gibt mit dem Pandemieplan auch eine gute Grundlage, auf die wir uns stützen können. Aber der Informationsfluss ist schwierig: Wir erfahren heute Neuigkeiten oft aus den Medien statt vom Bundesamt für Gesundheit (BAG), das eigentlich für die Information zuständig wäre. Das ist kein Vorwurf an das BAG. Es ist einfach eine Tatsache und eine Herausforderung. Wie kann man dieses Problem lösen? Ich habe kein Patentrezept. Aber im Grunde genommen müssten wir, die Kantone, vom BAG halt auch in Echtzeit informiert werden. Das heisst, um eine Situation wie jetzt beim Coronavirus zu bewältigen, bräuchte das BAG ein professionelles Lagezentrum oder einen Newsroom? Ich glaube, ja. Heute ist die Geschwindigkeit so hoch, dass wir das brauchen, damit alle Kantone einigermassen auf demselben Stand sind. Wie funktioniert die Information durch das BAG? Zweimal pro Woche haben wir eine grössere Lagebesprechung mit dem Bund. Dazwischen informieren wir uns auf der BAG-Website, wobei sie leider nicht immer sehr aktuell ist. Betrifft uns etwas direkt, spricht uns das BAG auch direkt an. Der Austausch ist schon gut. Aber die Geschwindigkeit ist ungenügend. Würde es schneller gehen, könnten wir in den kantonalen Lagezentren die Situation rascher analysieren und reagieren. «In der Schweiz kommt es besser an, wenn die handelnden Akteure lokal verankert sind.» Das Coronavirus ist eigentlich der erste grosse Test für das Epidemiengesetz von 2013, das die Beziehungen zwischen Bund und Kantonen neu ordnet. Wie bewährt es sich? Nun, wir befinden uns offiziell immer noch in einer Normallage. Da sind die Strukturen eigentlich identisch mit dem alten Epidemiengesetz: Grundsätzlich sind die Kantone verantwortlich für die Massnahmen. Der Bund unterstützt uns. Er hat nicht die Kompetenz, Massnahmen anzuordnen. Wäre ein stärkere zentrale Steuerung à la China in einer Krisensituation nicht besser? Wir leben in einer anderen Kultur. Wenn man sehr zentralistisch handeln kann, hat das bei einer Epidemie sicher Vorteile. Aber es kann auch Widerstände auslösen, wenn eine Zentralmacht zu bestimmt auftritt. Ich glaube, in der föderalistischen Schweiz kommt es besser an, wenn die handelnden Akteure lokal verankert und glaubwürdig sind. Aber es birgt auch Risiken, wenn kein Kanton sich vom Bund diktieren lassen will, was zu tun ist. Beispielsweise im Falle einer Abriegelung gewisser Städte oder Regionen. Ich warne vor Aktivismus. Schauen Sie mal, welch drastische Massnahmen China ergriffen hat. Trotzdem ist das Virus nicht verschwunden. Es hat sich sogar noch ausgebreitet. Ich sehe es eher so: In einer freien Gesellschaft, wie wir es sind, müssen wir es in Kauf nehmen, dass es solche Krankheiten gibt. Wir müssen aber versuchen, sie mit Präventivverhalten und verschiedenen angepassten Mitteln gegen Ansteckungsmassnahmen in den Griff zu bekommen. Wir müssen lernen, mit der Gefahr zu leben? Ja. Es ist illusorisch, zu glauben, in einem Staat wie der Schweiz könne man so hart eingreifen, dass ein Virus komplett eingedämmt werden kann. Man müsste alle Wege und Achsen abriegeln, ohne zu wissen, ob das Virus nicht doch schon rausgekommen ist. Eine so hermetische Abriegelung ist nicht zu bewerkstelligen. Kommt hinzu: Das Coronavirus führt offenbar in rund 80 Prozent der Fälle zu sehr milden Symptomen. Wie will man da alle Infizierten festsetzen? Bei Ebola ist das einfacher. Diese Erkrankungen sind sehr schwer und enden oft tödlich. «Was wirklich nützt: Die Hände regelmässig mit Seifenwasser waschen. Papiernastücher verwenden.» Was können wir sonst tun? Mittels Sensibilisierung und Verhaltensschulung versuchen, das Virus im Zaum zu halten. Wir müssen Zeit gewinnen, um ein Gegenmittel zu entwickeln. Frankreich, ein zentralistisches Nachbarland Italiens, macht ein resolutes Krisenmanagement. Die Regierung hat am Sonntag angekündigt, mehrere Dutzend Millionen Schutzmasken zu kaufen. Da sehe ich leider den Nutzen nicht. Richtig eingesetzt helfen die Masken im direkten Kontakt mit Verdachtsfällen. Aber sonst: Viele tragen die Masken falsch oder zu lange, weshalb sie gar keinen Schutz mehr bieten. Was wirklich nützt: Die Hände regelmässig mit Seifenwasser waschen. Papiernastücher verwenden. Sich nicht gegenseitig ins Gesicht niesen. Rechte Kreise verlangen die Schliessung der Südgrenze. Was halten Sie davon? Wenn man wirklich garantieren könnte, dass es gar keinen Personenverkehr mehr geben würde, könnte man das versuchen. Aber man vermag einen Raum mitten in Europa, wo alles so vernetzt ist, gar nicht so dicht abzuriegeln. Womit überhaupt? Der Armee? Das würde nicht reichen. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Verwerfungen, welche eine solche Massnahme zur Folge hätte. Das wäre bei diesem Virus wirklich nicht verhältnismässig. Erstellt: 25.02.2020, 12:00 Uhr Weiterlesen: Tages-Anzeiger

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