«Beweg Deinen Hintern, Sonst Bist Du İm Zweiten Lauf Nicht Dabei!» Unser Interview Mit Der Skilegende Didier Cuche, Interview, Sport, Nachrichten

«Beweg Deinen Hintern, Sonst Bist Du İm Zweiten Lauf Nicht Dabei!» Unser Interview Mit Der Skilegende Didier Cuche

Didier Cuche: Der Rekordsieger über die Abfahrt von Kitzbühel

Didier Cuche ist Rekordsieger auf der Streif in Kitzbühel, doch sein Anfang dort war alles andere als einfach. Im Gespräch erklärt er, was es braucht, um auf der schwierigsten Abfahrtspiste der Welt schnell zu sein.

21.01.2021 21:00:00

Didier Cuche ist Rekordsieger auf der Streif in Kitzbühel, doch sein Anfang dort war alles andere als einfach. Im Gespräch mit NZZ Sport erklärt er, was es braucht, um auf der schwierigsten Abfahrtspiste der Welt schnell zu sein.

Didier Cuche ist Rekordsieger auf der Streif in Kitzbühel, doch sein Anfang dort war alles andere als einfach. Im Gespräch erklärt er, was es braucht, um auf der schwierigsten Abfahrtspiste der Welt schnell zu sein.

TeilenDidier Cuche bei der Kitz Charity Trophy 2015 in Kitzbühl. Keiner hat am Streif öfter gesiegt, als er.EPADidier Cuche, im Starthaus von Kitzbühel steht, Sie hätten bei Ihrer ersten Fahrt 8,5 Sekunden auf die Besten verloren. Was hat es damit auf sich?

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Meine Fahrt war eher konservativ, und bei der Ausfahrt aus dem Steilhang stand ich nach einem Fehler fast still. Aber ich erinnere mich noch, dass nach der Ziellinie meine Arme automatisch in die Luft gingen, als hätte ich gewonnen. Die Erleichterung war riesig.

Warum das?Die Streif ist eine Mutprobe für einen Neuling, und damals sind von den ersten fünf am Start vier gestürzt, drei mussten mit dem Heli ins Spital. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt starten soll, und sagte das am Funk. Die Trainer fanden es lustig, weil sie dachten, ich mache da oben noch Scherze. Aber mir war es ernst. Ich dachte: Wie soll ich es heil ins Ziel schaffen, wenn die Besten stürzen? headtopics.com

Es gibt in Kitzbühel ein Ritual: Wer am Start nicht drei Stockstösse schafft, zahlt eine Runde. Holt man sich mit dieser Mutprobe auch Courage für die Fahrt?Wenn du dort hinkommst, sagt dir jeder: Greif an! Das ist der beste Tipp, den man einem Neuling geben kann. Denn dosieren kannst du auf dieser Strecke ohnehin nicht. Wenn du nur mit einem Stockstoss rausgehst, fehlt dir die Körperspannung und die mentale Einstellung, die du brauchst, um die schwierigen Passagen richtig zu meistern.

Sie sind Rekordsieger auf der Streif. Wie gewinnt man diese Abfahrt?Ich denke immer wieder daran, wie nahe ich oft daran war, über die Grenze zu gehen. Der Grat ist extrem schmal, die Gefahr, dass du es übertreibst, ist gross. Fünfmal habe ich dort gewonnen, aber ich kann selbst nicht sagen, ob ich noch Reserven hatte oder ob ich ganz am Limit war, und es ging einfach auf.

Es ist interessant, dass Sie das so sagen. Sie sind in der zweiten Hälfte der Karriere nie in einer Abfahrt gestürzt, in Kitzbühel überhaupt nie. Man würde glauben, Sie hätten eine Marge gehabt.Wenn ich von anderen Strecken rede, muss das wohl stimmen. In Kitzbühel hat die grosse Gefahr stets das Beste aus mir herausgeholt. Wahrscheinlich bewegte ich mich dort an meinem absoluten Limit. Es ist, wie wenn du ohne Seil eine steile Wand hochkletterst – du darfst keine Fehler machen.

«Ich ging sogar in der Hocke über die Mausefalle, so kompromisslos war ich unterwegs.» Didier Cuche über seine Abfahrt 2011 – seiner Meinung nach die beste, die er in Kitzbühl je geliefert hat.Alessandro Trovati / APRalph Weber sagt: «Wenn ich im Steilhang so fahren würde wie Cuche, würde ich abfliegen.» Sie selbst haben die Fahrt von Stephan Eberharter in der Traverse nie 1:1 kopiert. Gibt es Linien, die nur ein einziger Mensch fahren kann? headtopics.com

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Grundsätzlich glaube ich das nicht. Aber Défago ist an der Hausbergkante einmal so weit links gesprungen, dass er keine Zeit mehr hatte, um zurück in die Kompression zu fahren. Das war wohl nicht gewollt, aber es war dann auf seiner Linie so ruhig, dass er viel Tempo mitnahm. Das sind Ausnahmelinien, und sie sind sehr riskant. Einmal geht es vielleicht gut, aber eine Garantie hast du nicht.

Wussten Sie jeweils vor dem Start haargenau, wo Sie durchfahren wollten, oder entschieden Sie das instinktiv?Ich hatte immer einen ziemlich genauen Plan und versuchte, mich daran zu halten. Auf gewissen Strecken war das sicher kein Vorteil. Du hängst an der Linie, versteifst dich vielleicht ein wenig, und dann fehlt dir die Lockerheit, um wirklich schnell zu sein. In Kitzbühel brauchst du die Körperspannung sowieso, und wenn du die Linie konsequent fährst, gibt es fast nur einen Weg. Diesen Plan hatte ich und wusste genau, wo Unebenheiten waren, die ich schlucken musste oder ausnützen konnte, um Tempo zu machen.

Wie meinen Sie das?2011 hatte es in der Traverse drei Schläge. Wenn man im Training einfach drüberfuhr, konnte man unmöglich ruhig in Position bleiben, und man verlor Zeit. Ich sah mir das an, setzte meine Idee aber im Training nicht um, weil ich mir sagte, dass es dann andere im Rennen kopieren würden. Es war ein Pokerspiel. Beim ersten kleinen Hügel verstärkte ich die Körperspannung, hob ab, flog über den zweiten Hügel und landete an der Rückseite des dritten. Ich gewann mit fast einer Sekunde Vorsprung.

Sie haben auf der Streif schwere Unfälle anderer Fahrer erlebt: 2009 landete Daniel Albrecht im Koma, 2011 Hans Grugger. Wie schafft man es, danach noch ein Rennen zu fahren?Dani habe ich am TV zugeschaut, ich wählte mir immer einen aus, der gut und frech fuhr, um einen Anhaltspunkt zu haben. Als er über den Zielsprung flog, wandte ich mich ab – ich wusste, er würde auf dem Rücken landen. Der Sprung war gefährlich und ungenau gebaut, ich hatte das dem Streckenposten schon im ersten Training gesagt. Der hat mich mit einem Lächeln auf den Lippen angeschaut. Er dachte wohl, ich hätte Schiss. Aber ich wusste, dass ich dort etwas vorsichtiger fahren musste. headtopics.com

Wie geht man mit schweren Stürzen um, wenn man noch oben steht?In dieser Situation ist der Physiotherapeut am Start sehr wichtig. Er ist für den Funk zuständig und funktioniert quasi als Filter. Entweder dreht er den Ton laut, und du hörst alles, oder er schaltet aus. Bei uns funktionierte es gut. Als Silvano Beltrametti 2001 in Val-d’Isère um sein Leben kämpfte, wusste ich nicht, wie schlimm es um ihn stand.

Aber die Unfälle von Albrecht und Grugger geschahen im Training, Sie wussten vor dem Rennen, dass die Sportler im Koma lagen. Trotzdem gewannen Sie 2011 sogar. Konnten Sie das einfach verdrängen?Der beste Beweis, wie gut ich das verdrängt habe, ist die Tatsache, dass ich mir nun überlegen muss, wie es mir am Renntag ging, welche Gedanken ich hatte. Erst wenn das Rennwochenende vorbei ist, holst du dir Informationen. Vorher versuchst du, dich abzuschirmen. Daran herumzustudieren, würde dir nicht helfen, die Aufgabe zu meistern, die vor dir liegt.

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Sie haben einmal gesagt, Sie könnten die Streif heute noch fast blind fahren. Gilt das auch für andere Strecken?Für die meisten, ja. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ich sie bei der Besichtigung sehr genau studierte. Ich würde jungen Fahrern den Tipp geben, sie sollen sich die Pisten möglichst dreidimensional einprägen, also nicht nur die Linie, sondern auch die Unebenheiten. Ich hatte das so präzis im Kopf, dass ich während der Fahrt nicht hirnen musste. Ich fuhr – und das, was ich im Kopf hatte, fuhr mit. Das hilft, den Fluss zu finden, das Tempo zu generieren.

Eine Passage, die man in Kitzbühel kaum je am TV sieht, ist der lange, flache Weg nach der Steilhangausfahrt. Da können Sie oben noch so gut gefahren sein, ohne schnelle Ski an den Füssen haben Sie keine Chance.Man vergisst oft, wie intensiv wir auch am Material arbeiten. 2011 nahm mein Servicemann Chris Krause während der Kitzbühel-Woche die besten 20 Paar Ski auf die Teststrecke. Der schnellste Ski war damals einer, den ich eine Woche zuvor im Training in Wengen am Fuss hatte. Ich sagte dort zu Chris: «Den musst du nie mehr mitnehmen.» Denn ich hatte beim Fahren ein miserables Gefühl. In Kitzbühel sagte mir Chris: «Mit diesem Ski bist du zwei bis drei Zehntel schneller als mit dem zweitschnellsten.» Wir diskutierten eine Dreiviertelstunde im Skiraum, bis ich einverstanden war. Dann siegte ich.

Sie galten als Perfektionist beim Material. Beat Feuz erweckt den Eindruck, man könne ihm irgendeinen Ski hinstellen, er sei immer schnell. Stimmt das?Wenn Beat in Hochform ist, kann er tatsächlich mit fast jedem Ski ein gutes Resultat erreichen. Beat fährt extrem fein, man hat das Gefühl, er sei sehr ökonomisch unterwegs. Er macht das Minimum, aber er macht es genau im richtigen Moment, und es sieht alles sanft und kontrolliert aus. Das ist seine grosse Fähigkeit, er findet immer genau die richtige Mischung. Selbst wenn er einmal eine Kurve anrutscht, stiebt es bei ihm viel weniger als bei anderen.

Es gab eine Phase, in der Ihnen in Österreich mehr Respekt entgegengebracht wurde als in der Schweiz. Hätten Sie viel darum gegeben, in Wengen die Herzen des Publikums zu erobern?Es war schwierig zu spüren, wie du beim Publikum ankommst. Am Renntag wirst du von allen angespornt, aber eher auf die Art: «Wir sind in der Schweiz, ihr seid Schweizer – also gebt Gas!» So habe ich es jedenfalls empfunden. Wenn ich aber sehe, wie viele Schweizer dort gewonnen haben in den Jahren, in denen ich dort war: Défago, Kernen, Küng, Feuz, Janka – eigentlich alle ausser mir. Ich habe mir wohl das Leben schwergemacht. Und ich hatte Pech, etwa als ich einmal um 14 Hundertstel von Klaus Kröll geschlagen wurde.

Es sollte in Wengen bis zum Schluss nicht klappen.An mein letztes Rennen dort erinnere ich mich gut. Ich fuhr in allen Trainings sehr stark und wusste, ich kann angreifen, um zu gewinnen. Dann habe ich zu viel gepusht, mir unterliefen Fehler, die nicht passieren, wenn du die Balance findest zwischen Angriff und Lockerheit. Ich wurde 15. Später wurde mir bewusst, dass das meine letzte Fahrt war in Wengen. Noch vor dem Start wusste ich das nicht. Aber es war wohl in meinem Unterbewusstsein, und ich wollte deshalb etwas erzwingen.

Ein paar Tage später gaben Sie in Kitzbühel den Rücktritt bekannt. Wie war die Zeit dazwischen?Am Sonntag machte ich etwas, das ich wohl sonst mein ganzes Leben nie gemacht habe: Ich legte einen Tag Pause ein. Am Montag setzte ich mich ins Auto, und auf der Fahrt nach Kitzbühel informierte ich alle wichtigen Leute über meinen Entscheid. Es war mir wichtig, das zu kommunizieren, damit ich nicht plötzlich aufgrund des Resultats von Kitzbühel doch noch denke: Ach was, ich hänge noch einmal eine Saison an!

Und dann gewannen Sie in Kitzbühel.Es war verrückt. Die Strecke war verkürzt, es schneite, und es war sehr schwierig, bis zum Hausberg dabei zu sein. Dort lag ich noch etwas zurück, und dann holte ich in der Traverse den Sieg. Das kann man nicht mit Worten erklären, das ist einfach Wahnsinn.

Schauen Sie Ihre alten Fahrten manchmal wieder an?Letzthin habe ich meine Siegesfahrt im Riesenslalom von Adelboden 2002 wieder gesehen. Ich musste schmunzeln, weil ich dort den Skiwurf erfand. Die heutigen Rennen schaue ich mir auch an, und ab und zu reden sie am TV von mir. Dann schaut mein fünfjähriger Sohn Noé ganz komisch. Kürzlich hat er mir gesagt, er wolle sehen, wie schnell ich gefahren sei. Ich muss ihm wohl einmal ein Video auf Youtube zeigen.

Da gibt es einige Auswahl. Welches ist die beste Fahrt Ihrer Karriere?In Kitzbühel war es definitiv 2011. Ich ging sogar in der Hocke über die Mausefalle, so kompromisslos war ich unterwegs. Das war eine der Fahrten, in denen du fast eine Vogelperspektive bekommst, weil alles so einfach geht. In Adelboden war es auch so, als ich gewann. Sogar in beiden Läufen. Unterwegs sprach ich fast mit mir selbst: «Beweg deinen Hintern, sonst bist du im zweiten Lauf nicht dabei!» Und dann führte ich mit über einer Sekunde Vorsprung.

Sie haben Ihren Sohn erwähnt. Könnten Sie sich vorstellen, ihm einmal zuzuschauen, wie er in Kitzbühel die Streif runterrast?Lieber nicht! Unsere Kinder sollen einfach Spass haben. Es tut mir jetzt schon weh, wenn Noé einmal stürzt. Seit ich Vater bin, merke ich, was meine Eltern durchmachten. Immerhin hat meine Mama mich nie am Fernsehen stürzen sehen, das machte es vielleicht einfacher für sie. Ich werde meine Kinder sicher nicht pushen – aber wenn sie Rennen fahren wollen, unterstütze ich sie dabei.

Cuche wartet auf einen Nachfolgerreg.· Für Didier Cuche war die Streif so etwas wie sein Wohnzimmer – ein eisiges und gefährliches Wohnzimmer. Der Neuenburger gewann hier 1998 quasi aus dem Nichts seine erste Abfahrt, eine Sprintabfahrt in zwei Läufen. Insgesamt siegte er in Kitzbühel sechsmal, fünfmal in der Abfahrt und einmal im Super-G. 2012 kündigte er hier am Mittwoch den Rücktritt an, am Samstag triumphierte er erneut und machte sich damit zum alleinigen Rekordsieger in der Abfahrt auf der Streif.

Seit dem Rücktritt des heute 46-Jährigen hat kein Schweizer mehr dieses prestigeträchtigste Rennen im Weltcup gewonnen. Beat Feuz, der zuletzt dreimal in Serie die Abfahrtswertung für sich entschied, wurde auf der Streif seit 2016 viermal Zweiter. 2017 schien er unterwegs zum sicheren Sieg, doch dann stürzte er in der Traverse. Der Sieg in Kitzbühel wäre die Krönung einer grossen Karriere mit dem Weltmeistertitel und zwei Olympiamedaillen gewesen. Feuz ist nicht der einzige Grosse, der seine Karriere ohne dieses Highlight beendet. Zuletzt passierte das Aksel Svindal, der auf der Streif zwar dreimal den Super-G gewann, in der Abfahrt aber stets scheiterte. Von den Schweizer Champions blieb Bernhard Russi ohne Erfolg auf der Streif.

In diesem Jahr präsentierte sich die Piste im ersten Training nicht so eisig und furchterregend wie in früheren Jahren. Feuz nutze die Bedingungen und gab für einmal schon bei der ersten Fahrt Gas. Rang 4 ist für ihn in einem Training aussergewöhnlich gut. Er erklärte das damit, dass er wegen der Absage der Lauberhornrennen seit fast einem Monat nicht über eine Abfahrtspiste gerast sei und Lust aufs Skifahren gehabt habe. Cuche sagte am Rand des oben publizierten Gesprächs, dass Feuz zu den ersten Siegesanwärtern gehöre, wenn er im Training schon schnell sei.

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