Der Sammler Andrew J. Hall Sagt: «Die Halbwertszeit Von Kunst İst Mittlerweile Unfassbar Kurz», Interview, Feuilleton, Nachrichten

Der Sammler Andrew J. Hall Sagt: «Die Halbwertszeit Von Kunst İst Mittlerweile Unfassbar Kurz», Interview

Der Sammler Andrew J. Hall spricht über den Kunstmarkt

Früher hat er mit Öl gehandelt, heute sammelt Andrew J. Hall zeitgenössische Kunst. Im Gespräch mit @NZZfeuilleton erklärt der Brite, wie Instagram die Preise von Gemälden beeinflusst und warum Museumsbesucher nur elf Sekunden vor Bildern verweilen.

27.07.2021 21:00:00

Früher hat er mit Öl gehandelt, heute sammelt Andrew J. Hall zeitgenössische Kunst. Im Gespräch mit NZZfeuilleton erklärt der Brite, wie Instagram die Preise von Gemälden beeinflusst und warum Museumsbesucher nur elf Sekunden vor Bildern verweilen.

Früher hat er mit Öl gehandelt, heute sammelt Andrew J. Hall zeitgenössische Kunst. Im Gespräch mit Simon M. Ingold erklärt der Brite, wie Instagram die Preise von Gemälden beeinflusst und warum Museumsbesucher im Schnitt nur elf Sekunden vor Bildern verweilen.

Stephan Hüsch / Hall Art FoundationHerr Hall, Sie waren einst Rohstoffhändler und begannen vor zwanzig Jahren, obsessiv Kunst zu sammeln. War das eine Zäsur für Sie, oder gibt es Parallelen zu Ihrem vorherigen Leben in der Privatwirtschaft?

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Ich sehe es eher als Zäsur denn als parallele Beschäftigung. Ich habe vor fünf Jahren mit dem Rohstoffhandel aufgehört und kann mich seither vollumfänglich der Kunst widmen. Das Sammeln geht weiter, aber wichtiger ist mittlerweile, was wir mit all der Kunst tun: Wir machen sie der Öffentlichkeit zugänglich. Es ergibt keinen Sinn, eine Sammlung wie die unsrige zu haben, um sie in einer Lagerhalle liegen zu lassen.

Nach welchen Kriterien sammeln Sie?Hinter der Sammlerei stand immer die Absicht, Werkgruppen zusammenzutragen, die in sich kohärent sind, um sie einem kunstinteressierten Publikum präsentieren zu können. Die Inspiration dafür stammt von Besuchen in der Londoner Saatchi Gallery in den frühen 1980er Jahren. Dort fanden phantastische Ausstellungen statt. Als die Sammelleidenschaft meine Frau und mich zwanzig Jahre später so richtig packte, schwebte uns etwas Ähnliches vor. Also schafften wir öffentliche Museumsräume, in denen wir unsere Sammlung ausstellen können. Es wurde immer mehr. headtopics.com

In Ihrem Schloss Derneburg in Niedersachsen steht derzeit ein gewaltiger Ausbau an.Richtig. Wir erwarben das Schloss vor etwa fünfzehn Jahren von Georg Baselitz. Aber unser erster öffentlicher Ausstellungsraum entstand aus einer Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Museum of Contemporary Art. Als Zweites folgte der Umbau einer alten Milchfarm in Vermont, die uns gehört. Nach umfangreichen Renovationsarbeiten machten wir schliesslich Schloss Derneburg als Museum zugänglich. In den nächsten zwei bis drei Jahren entstehen weitere Ausstellungsräume sowie eine Kunstbibliothek mit über 40 000 Bänden. Wir werden damit zu einem der grössten, wenn nicht zum grössten öffentlich zugänglichen Privatmuseum in Europa.

Sie spielen damit urplötzlich in einer Liga mit dem Centre Pompidou und der Tate Gallery. Wie positionieren Sie sich gegenüber solchen Museen?Andy und Christine Hall.Hall Art FoundationPunkto Ausstellungsfläche werden wir sogar grösser sein als Pompidou und Tate. Aber wir suchen keine Konkurrenz mit diesen Institutionen. Wir wollen etwas Neuartiges erschaffen. Ich bewundere beide genannten Museen, aber sie sind Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Wir werden die Besucherzahl begrenzen und damit ein Kunsterlebnis ermöglichen, das frei von Hektik ist. Die Besucher sollen mit der Sammlung kommunizieren können. Es geht uns um ein Erlebnis, das weit über den reinen Kunstkonsum hinausgeht.

Wissen Sie, wie lange der durchschnittliche Museumsbesucher ein Kunstwerk betrachtet?Ich vermute mal fünfzehn Sekunden.Nicht schlecht, es sind elf Sekunden. Woran liegt das?Schauen Sie, wenn ich in New York unterwegs bin, habe ich immer eine Checkliste von Museen und Galerien dabei, die ich besuchen will oder muss. Da ist immer dieser fürchterliche Zeitdruck. An einem Ort wie Derneburg passiert das nicht. Es gibt kein anderes Museum gleich um die Ecke, man ist einfach da. Ich sprach kürzlich mit einem Freund, der geschäftlich für einen Tag in Houston war und vier Stunden davon in der Kapelle von Mark Rothko verbrachte. Er meinte, es sei eine transzendentale Erfahrung gewesen. Mir ging es ähnlich in der Chinati Foundation in Marfa. Diese Orte haben eine eigene Qualität. Genau das wollen wir in Derneburg auch erreichen. Jedenfalls tun wir unser Bestes, den Elf-Sekunden-Schnitt merklich anzuheben.

Innovationsdruck ist zum bestimmenden Faktor in allen Lebensbereichen geworden. Ist zeitgenössische Kunst zu sehr auf Originalität getrimmt?Auf jeden Fall. Es geht immer darum, was gerade heiss ist. Die Art und Weise, wie Kunst bewertet wird, ist leider durch den Markt bestimmt. Früher waren die Museen massgebend dafür, was man sich ansehen musste. headtopics.com

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Spencer Finch: «Passing Cloud (Over Derneburg)», 2011. Aufnahme aus dem Schloss Derneburg.Gertraud Lauber / Hall Art FoundationDie Museen haben sich durch ihre Legitimationsfunktion auch Vorteile verschafft . . .Natürlich. Aber die Position der Museen hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert. Der Markt bestimmt, was werthaltig und beachtenswert ist. Und die Museen folgen dem Markt. Die Halbwertszeit von Kunst ist mittlerweile unfassbar kurz. Man geht von einer Auktionssaison in die nächste, und gewisse Künstler sind schon wieder weg vom Fenster. Die rasende Suche nach der neuen Sensation führt dazu, dass unbekannte Künstler Werke für Hunderttausende oder sogar Millionen von Dollar verkaufen können. Ich sage nicht, das ist schlecht. Es ist einfach die Realität. Jüngst hatten wir einen Fall von Krypto-Kunst, auch bekannt als NFT (Non-Fungible Token), die für 69 Millionen Dollar verkauft wurde. Wie soll die Welt damit klarkommen?

Sagen Sie’s mir.Ich kenne die Antwort nicht. Ich weiss zwar, was ein NFT ist, und gebe zu, dass ich den visuellen Impulsen sozialer Netzwerke auf dem iPhone durchaus verfallen bin. Aber ich glaube auch, dass diese Dinge einen unverhältnismässigen Einfluss auf die Art und Weise haben, wie wir Kunst betrachten. Für einen Maler ist es zum Beispiel eminent wichtig, ob sein Werk sich gut macht auf Instagram. Ich bin überzeugt, dass es einen eindeutigen statistischen Zusammenhang gibt zwischen den Preisen, die an Auktionen erzielt werden, und der Präsentierbarkeit von Kunstwerken auf mobilen Geräten. Angesichts dieser Tatsache liegt es auf der Hand, dass digitale Bilder für gewaltige Summen gekauft und gesammelt werden.

Es herrscht widerwillige Einigkeit darüber, dass zwischen Hochkunst und Pop-Art keine Unterschiede mehr auszumachen sind. Inwieweit sind die sozialen Netzwerke für den Aufstieg von jemandem wie Kaws verantwortlich, der diese Grenze sehr erfolgreich überschreitet und seine comicartigen Figuren und von der Pop-Kultur inspirierten Bilder in den bedeutendsten Museen zeigt?

Ich kenne Brian Donnelly (bekannt als Kaws) und behaupte, dass er eine Ausnahme ist. Er ist ein gerissener Kerl und hat Social Media geschickt eingesetzt, um seine Karriere voranzutreiben. Aber seine Arbeitsweise ist recht traditionell. Er malt von Hand, und seine Kunst ist sehr handfest, auch wenn sie konzeptionelle Elemente hat. Kaws hatte seine erste Museumsschau vor fast zwanzig Jahren, lange vor Instagram. Seine Werke sind recht besinnlich. Das kann man von der digitalen Kunst eines Beeple, des Menschen hinter dem 69 Millionen Dollar teuren NFT, nicht behaupten. headtopics.com

Im Juli 2021 hat eine grosse Kaws-Ausstellung in Tokio eröffnet.Christopher Jue / Getty Images AsiaPacWolfgang Ullrich prägte den Begriff der «Siegerkunst», einer Kunst also, die via Status sowohl Künstler als auch Käufer in den Augen der Gesellschaft zu Gewinnern macht. Beobachten Sie dieses Phänomen unter Sammlern?

Absolut. Es geht um Trophäen. Die Siegertypen unter den Sammlern wollen je einen grossartigen Richter, einen Warhol und einen Jasper Johns bei sich hängen haben. Sie schaffen sich zwanzig Meisterwerke an und präsentieren sie stolz ihren Freunden. Dieser Ansatz interessiert mich nicht. Als ich anfing zu sammeln, war damit der Ehrgeiz verbunden, Ausstellungen selbst zu kuratieren. Dafür muss man beim Sammeln in die Tiefe gehen. Man kann nicht Francis Bacon oder Brice Marden in der Tiefe sammeln, wenn man nicht Bill Gates ist. Aber es gibt Hunderte von grossartigen Künstlern, die zu vernünftigen Preisen zu haben sind – die suchen wir. Weil die amerikanischen Sammler die Preise im Markt treiben, sind grosse europäische Künstler wie Baselitz oder Kiefer vergleichsweise unterbewertet. Das erlaubt uns, gross zu denken, und versetzte uns in die Lage, sehr grosse Sammlungen ihrer Werke aufzubauen.

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Ihre Sammlung umfasst mehrere tausend Werke. Wie behält man da den Überblick und eine gewisse Intimität mit der Kunst?Das fällt mir nicht schwer. Obwohl die Sammlung mittlerweile sechstausend Werke umfasst, habe ich ein sehr gutes Gedächtnis und arbeite täglich mit der Sammlung bei der Vorbereitung und Zusammenstellung neuer Ausstellungen. Ich denke eigentlich ständig an die Sammlung und an die Frage, wo und wie wir die Werke hängen, auch zu Hause.

Sie betreiben Ausstellungsräume auf zwei Kontinenten. Welche Unterschiede in der Wahrnehmung von Kunst beobachten Sie?Unsere Präsenz in Deutschland ist wesentlich grösser als in den USA. Die Tatsache, dass wir als Amerikaner in Deutschland tun, was wir tun, hat uns grosse Aufmerksamkeit beschert. Zudem hat Derneburg als Wohn- und Wirkungsstätte von Georg Baselitz während dreissig Jahren eine gewisse Berühmtheit erlangt. Aber ich glaube auch, dass das deutsche Publikum besser in Kunst geschult ist als das amerikanische. Viele Deutsche wissen, wer Georg Baselitz ist oder Joseph Beuys oder Gerhard Richter. Aber ich wette, dass nur sehr wenige Amerikaner wissen, wer Jeff Koons ist. Mein Eindruck ist, dass wir mit unseren Plänen in Deutschland auf mehr Interesse stossen als in den USA.

Glauben Sie, dass Ihre Sammlung bleibenden Stellenwert haben wird?Wer weiss das schon? Vielleicht wird das alles irrelevant. Aber die Kunstgeschichte zeigt, dass die Wertschätzung von Künstlern Zyklen durchläuft. Wenn man sie einmal verloren hat, heisst das nicht, dass es für immer dabei bleibt. Caravaggio wurde früh zum Star, stürzte ab und ist heute wieder ein Star. Diese Zyklen gehören zu einem Künstlerleben. Bei den jüngeren Künstlern von heute werden sie aber nicht in Jahrzehnten oder Jahren gemessen, sondern teilweise in Monaten. Gleiches scheint für NFT zu gelten. Man sagte mir kürzlich, der Markt sei bereits um 75 Prozent eingebrochen. Wie das gemessen werden soll, weiss ich nicht, aber es würde mich nicht überraschen. Machen wir uns keine Illusionen: Ein Kunstwerk hat keinen intrinsischen Wert. Es ist genau so viel wert, wie jemand anders bereit ist, dafür zu bezahlen. Kunst ist deshalb prädestiniert für Spekulation und Betrug.

Caravaggio ist wieder im Hoch: Angestellte hängen das Gemälde «Judith enthauptet Holofernes» in einem Pariser Auktionshaus auf.Charles Platiau / ReutersSteckt der Kunstmarkt denn in einer Blase?Es gibt immer Teile eines Marktes, die in einer Blase stecken, ob es nun der Aktienmarkt oder der Kunstmarkt ist. Der Markt für Beeples Digitalkunst steckt ziemlich sicher in einer Blase. Der Markt für Kaws tendenziell auch, allerdings ist Kaws ein Künstler, von dem wir auch in zwanzig oder dreissig Jahren noch sprechen werden. Wir sprechen immer noch über Warhol, obwohl sein Markt nicht besonders stark ist im Moment. Jeff Koons’ Markt ist auch eher schwach, aber Koons wird in fünfzig Jahren noch relevant sein. Georg Baselitz sowieso.

Vom Ölhändler zum Sammlersin. · Andrew J. Hall ist einer der wichtigsten Sammler zeitgenössischer Kunst weltweit. Der gebürtige Engländer war während seiner gesamten Karriere in der Rohstoffbranche tätig und gilt als erfolgreichster Ölhändler seiner Generation. Mit seiner Hall Art Foundation betreibt er private Museen in Vermont und im niedersächsischen Derneburg. Das dortige Museum ist nach pandemiebedingter Schliessung seit Mitte Juli wieder fürs Publikum geöffnet.

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