Jugend-Debatte zu Corona: 'Jedes Biohendl hat mehr Platz als ein Lehrer'

'Jugend und Corona'-Debatte: 'Jedes Biohendl hat mehr Platz als ein Lehrer'

13.04.2021 05:01:00

'Jugend und Corona'-Debatte: 'Jedes Biohendl hat mehr Platz als ein Lehrer'

Bei 'Im Zentrum' waren diesmal besonders die jungen Menschen im Land am Wort. Dabei hielt man sich aber viel zu lange mit der Problembeschreibung auf.

Urlaubsbedingt übernahm diesen Sonntagabend Tarek Leitner die Rolle seiner Kollegin Claudia Reiterer.Diskutiert wurde bei"im Zentrum" über die Jungen in der Coronakrise, mit folgender Fragestellung: „Vergessen, verloren, verstummt?“

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Die erste halbe Stunde war fast ausschließlich einem Problemaufriss gewidmet. Dieser lässt sich so zusammenfassen: Die Jugendlichen werden nicht gehört, die Politik kümmert sich in der Krise mehr um die Risikogruppen. Das Risiko Zukunft komme in der Krise zu wenig zur Sprache. Dabei müsste gerade jetzt, wo ein Ende der Gesundheitskrise absehbar ist, diese Frage zunehmend in den Fokus rücken.

Die Dramatik lässt sich gut mit den Briefen darstellen, die der Neos-Abgeordnete Yannick Shetty rezitiert. Emma, 15 Jahre, habe ihm geschrieben: „Wir sitzen so viele Stunden vor einem Bildschirm, unsere Augen brennen und wir sollen noch etwas lernen. Das Handy lenkt einen ab und man bekommt Kopfschmerzen und will nicht mehr.“ headtopics.com

Dario, 15, leidet schon seit mehr als einem Jahr an Depressionen, befindet sich in Psychotherapie und nimmt Psychopharmaka: „Ich habe generell aufgrund meiner psychischen Leiden schon wenig Lust rauszugehen und mit Freunden etwas zu unternehmen, doch durch Corona ist es  – wenn ich die Motivation dafür aufbringen kann – einfach nicht möglich.“

Triage in JugendpsychiatrieDas bereitet tatsächlich ein starkes Unbehagen, das durch den dritten Brief noch verstärkt wird. Ein anonymer Rettungssanitäter schreibt: „Im Bereich der Jugendpsychiatrie laufen seit Wochen Triagen und nichts passiert.“  Das bedeutet, es würden teilweise Fälle abgewiesen, die normal aufgenommen werden. Das lasse auch seine erfahrenen Kollegen in der Leitstelle nicht mehr kalt. Bei den psychisch bedingten Einweisungen sehe man, dass bei Suizidversuchen der Anteil der Kinder und Jugendlichen massiv steigt.

Eigentlich hätten schon diese drei Briefe allein genügt, um die Problematik ausreichend darzustellen. Aber wie gesagt, es wird sehr lang und breit wiederholt, dass Jugendliche nicht gehört werden.Auch der angebliche Vorwurf der Rücksichtlosigkeit wird besprochen. Nennen wir es kurz: Das Kanaltreiben in Wien.

Shetty: „Ich lege die Hand ins Feuer: Alle von uns haben schon Coronaregeln gebrochen, weil sie einfach nicht mehr transparent und verständlich sind.“ Er könne diese Regeln zwar im Parlament mitgestalten und habe dadurch einen besseren Überblick, aber selbst er blicke da nicht immer durch. headtopics.com

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„Man kann bei jungen Menschen nicht die Erwartungshaltung haben, dass die die ganze Woche da sitzen und sich die Pressekonferenzen von Sebastian Kurz und Rudi Anschober reinziehen“, sagt Shetty.Dass politische Diskussion auch zwischen zwei Pressekonferenzen stattfindet und anhand von Medienberichten, fällt hierbei unter den Studio-Tisch.

„Viele Menschen checken eigentlich nicht mehr, worum es in der Politik geht“, sagt Shetty. „Sie sehen den Bundeskanzler und den Gesundheitsminister reden, aber sie reden nicht zu uns“, meint der 25-Jährige.Der Schwarze PeterClaudia Plakolm (26) sitzt für die ÖVP im Nationalrat. Die Jugendsprecherin hält es für „nicht zielführend, einen Schuldigen zu suchen, dem man den Schwarzen Peter zuschieben kann.“ Das bezieht sich einerseits auf die Jugendlichen, aber offenbar auch auf die Regierungspolitiker. Es müsste nun alle Energie hineinfließen, um so schnell wie möglich aus der Krise herauszufinden, „dann würden sich diese Probleme einfach auch nicht stellen“, meint sie.

Na das wäre schön, nicht für die Politik: Ein Leben ohne Pandemieprobleme.Ebenso schön wäre, wenn bis zum Sommer auch alle Jugendlichen geimpft sind. Woher Plakolm diesen Optimismus bezieht, wird nicht besprochen.Mehrmals wird die neue

Ö3-Jugendstudie zitiert, auch von Plakolm: Zwei Drittel der Jugendlichen würden trotz aller Umstände optimistisch in die Zukunft blicken.„Was lernen wir aus der Krise?“ Das müsse man sich jetzt fragen, sagt die Jungabgeordnete. Die Antwort müsse „Digitalisierung an den Schulen“ sein, „denn nur so kommen wir aus der Krise, und dann brauchen wir uns die Fragen ‚Wer treibt die Infektionen nach oben?‘ gar nicht stellen.“ headtopics.com

„Werden aber immer wieder gestellt“, sagt Diskussionsleiter Leitner.Rücksichtslosigkeit und ZusammenreißenÖH-Vorsitzende Sabine Hanger (ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft) ärgert sich, „wenn man liest, wir halten uns nicht an die Maßnahmen.“ Sie verwehre sich auch dagegen. Sie kenne genügend Kollegen, die sich freiwillig für Rettungsdienste gemeldet hätten. Der Fokus solle mehr auf innovative Ideen, die aus der Studierendenschaft kommen, gelegt werden.

Leitner möchte aber noch herausarbeiten, von welcher Seite diese Vorwürfe der Rücksichtslosigkeit kommen.Shetty nützt die Gelegenheit, um einen unglücklichen Anschober-Tweet vom vergangenen Sommer zitieren:"Reißt Euch zusammen und übernehmt auch Verantwortung!!"

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 textete derGesundheitsminister damals und meinte damit vor allemjunge und männliche Strandparty-Feieranten in Kroatien.Rocco Bald, ein HTL-Schüler aus Salzburg, findet: „Schlimmer als ein harscher Umgangston ist gar kein Umgangston. Es gehe in Pressekonferenzen überhaupt nicht um die Schüler und um Probleme der Jugendlichen.

Eine halbe Stunde ist nun um, und man hält sich noch immer mit dem nicht gehört werden auf.„Wenn ich diese Frage noch einspeisen darf“, sagt Leitner. Die Politik treffe derzeit ständig Entscheidungen, die unmittelbar auf das Leben der Jugendlichen wirken, „warum nicht mehr Widerstand?“

DurcheinanderredenAli Mahlodji (40), EU-Jugendbotschafter und Gründer der Berufsorientierungsplattform watchado, berichtet aus seinen Gesprächen mit Schülern. Die würden sagen: „Weißt du Ali? Wie soll ich mich zusammenreißen oder mich artikulieren, wenn es nicht einmal die Erwachsenen machen?“ Die Jugendlichen würden auf eine Welt treffen, „wo alle durcheinanderreden, niemand ist sich einig. Wir waren uns als Gesellschaft einmal einig, das war am Anfang, als wir alle dachten: Der Tod kommt. Als wir gesehen haben, das geht sich eh aus für einige, war’s vorbei.“

Er gehe nicht mehr in Entscheidungsgremien, weil es keinen Sinn habe. Mahlodji sagt: „Wir hören Jugendlichen nur zu, um zu antworten, aber nicht um zu verstehen.“Und was tun?Tarek Leitner will nun folgendes Problem besprechen: „Heißt das, dass diese kindliche Attitüde, einfach trotzig keine Maske aufzusetzen, andere gekapert haben, sodass die jungen Menschen damit nicht laut sein können?“

Die Autorin und Arbeitsmarktexpertin Veronika Bohrn Mena (35) möchte hier einmal einen Punkt machen: „Heute haben wir endlich die Gelegenheit darüber zu reden, und dann reden wir - Entschuldigung - darüber, ob wir Maßnahmen verstehen oder nicht, oder darüber, ob die Jugendlichen jetzt brav oder schlimm sind. Aber wir reden nicht darüber, was jetzt gemacht werden sollte.“

Leitner: “Tun Sie das. Was soll gemacht werden?“Bohrn-Mena hebt nun zu einer richtigen Ansprache an: „Es wird nichts gemacht, weder in der Sozialpolitik, in dem Sinne, dass man sagt, wir verteilen jetzt um, weil die soziale Kluft in der Krise natürlich weiter auseinandergeht, noch wird gesagt, wir erhöhen gewisse Unterstützungsleistungen.“ Sie spricht damit auch die Aufstockung der Notstandshilfe an, wo zuletzt ein Auslaufen dieser Maßnahme in Diskussion war.

Es werde nicht in psychologische Betreuung von jungen Menschen investiert, sagt sie, „generell müsste das massiv ausgebaut werden, es müsste niederschwellige Angebote für Eltern geben, Kriseninterventionsstellen, die jetzt vermehrt gefördert werden, es müssten Frauenhäuser gefördert werden, es müssten Ausbildungsinstitute gefördert werden, es müssten Angebote für Schülerinnen geschaffen werden, die Nachhilfe brauchen. Nachhilfe kostet in Österreich ein Vermögen, die wenigsten können sich das leisten. Aber gerade jetzt werden sie’s brauchen. All das passiert aber nicht. In all diesen zehn Themen, die mir ad hoc eingefallen sind, habe ich im letzten Jahr auch nur irgendetwas gehört.“

Damit ist die Rede noch nicht zu Ende. Natürlich solle man nicht Sündenböcke suchen, nimmt sie Bezug auf Plakolm, „aber es gibt klare Verantwortungsträger in diesem Land, die für all diese Baustellen jetzt zuständig sein sollten. Und worüber reden die? Über alles, nur nicht über diese Probleme. Das ist das was mich ärgert. Und wenn wir dann alle drei Tage darüber reden, ob ein Maßnahme wieder gilt oder nicht gilt. Ja das ist schon sinnvoll, aber die ganzen wesentlichen Punkte bleiben dabei auf der Strecke.“

Langfristig und mittelfristigNeos-Mann Shetty fügt noch Workshops zum Thema psychische Gesundheit an. Diese sollten an den Schulen eingerichtet werden, um Tabus zu brechen, das Thema zu enthemmen. Psychotherapie solle mittelfristig eine Krankenkassenleistung werden.

Er kritisiert einen Reflex der Regierenden, der Opposition vorzuwerfen, dass diese nichts außer schimpfen könne. In der Bundespolitik hätten die Neos aber „konkret aufgezeigt, was notwendig wäre“ und in Wien habe Neos-Chef Christoph Widerkehr erste Maßnahmen gesetzt, um der Triage auf der Kinder- und Jugendpsychiatrie entgegen zu wirken. 50 Home Nursing Stellen seien eingerichtet worden, wo Kinder zuhause betreut werden können. Außerdem sei in Wien das Budget für die Jugendhotline „Rat auf Draht“ (Notrufnummer 147) erhöht worden. Langfristig müsse man den Blick auf Brennpunktschulen richten, er wolle sie „Schulen mit besonderen Herausforderungen“ nennen. Dort müsse man massiv hineininvestieren, „weil das Geld, das dort investiert ist, hat einfach einen so viel größeren Impact.“

Vorbild sei die „London School Challenge“, ein Projekt, in dem in den 500 schlechtesten Schulen generalstabsmäßig die Infrastruktur verbessert werde. „Das machen wir in Wien, das würde ich mir von der Bundesregierung auch wünschen“, meint Shetty.

Plakolm: Österreich steht gut daSeine Abgeordnetenkollegin von der ÖVP, Claudia Plakolm, möchte den Vorwurf, dass nur zugeschaut werde, „auf das Schärfste zurückweisen, wir stehen im internationalen Vergleich gut da.“Im Bereich Jugendbeschäftigung halte Österreich international an vierter Stelle, das sei ein besserer Wert als 2020. Es werde ministerienübergreifend gearbeitet, dass österreichische „Erfolgsmodell Lehre“ werde weiterverfolgt, wobei es hier ein großes regionales Gefälle gebe, wie stark Lehrstellen von der Wirtschaft angeboten werden. Jugendpsychologen auf Krankenkassa, was vorher schon erwähnt wurde, fordere sie schon seit ihrer Zeit als Schülervertreterin. Das stehe auch im Regierungsprogramm, müsse aber nachgeschärft werden. Plakolm: „Es darf keine Frage des Einkommens sein, ob ich Hilfe bekomme oder nicht.“ Am niederschwelligsten für das Wohlbefinden aber sei, „dass wir gegenseitig aufeinander schauen“.

Shetty kontert: „Die ÖVP kommt mit Rankings, wo wir überall gut sind, das ist nicht der Punkt.“Hanger von der ÖH sagt über die Studierenden: „Wir wollen nicht die letzten sein, die noch im Wohnzimmer sitzen“. Dann, wenn schon alle anderen Bereiche geöffnet sein werden.

„Ich, als junger Mensch und Interessensvertreterin, muss nicht immer darauf warten, dass andere Maßnahmen setzen“. Auch sie betont die Eigeninitative. Studierende hätten über eine App niederschwellig Nachhilfe für SchülerInnen angeboten. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass Jugendliche oft „selber die besten Krisenmanager sind“.

Schüler als ExpertenHTL-Schüler Rocco Bald hat eine simple konkrete Lösung, wie er sagt. „Die Expertinnen und Experten für die Schule sind die Schüler und Schülerinnen und Lehrer und Lehrerinnen, dieser werden viel zu wenig einbezogen. Sie brauchen nur in eine Schule zu gehen und Sie wissen, was abgeht“. Die Politik vertraue viel zu sehr „auf Schulexperten, die keine sind“.

Leitner: „Also Sie sind Experte.“Bald: „Ich bin Experte.“Als Experte sei er konkret für einen Wochenrhythmus bei Home Schooling und Präsenzunterricht, sagt Bald. Wenn sich Österreich schon als Testweltmeister bezeichne, könnte man auch mehr Geld für dafür notwendige Coronatests ausgeben.

Smart in die Lehrerschaft investierenDas Schlusswort hat Ali Mahlodji: „Natürlich haben wir tolle Jugendliche. Die sagen: ‚Ich habe in einem Jahr Corona mehr gelernt fürs Leben als in der Schule. Ich glaube, das werden alle am Ende irgendwie sagen.“ Man sollte aber nur jene positiven Dinge hervorheben, die für die gesamte Gesellschaft gut gelaufen sind, „sonst zahlt immer wer drauf“.

Er hält zum Schluss aber kein Plädoyer für die Jungen, sondern für jene, die „am allermeisten Zeit mit Kindern und Jugendlichen verbringen“ (© Tarek Leitner).„Wenn man in Österreich in ein Lehrerzimmer geht, dann hat ein Biohendl in der EU mehr Platz als ein Lehrer“, erklärt Mahloji. „In der Wirtschaft würde man sagen, das sind Topmanager. Sie haben 20 bis 30 Jugendliche vor sich, sind zuständig für deren Lebenszeit, haben eine Mega-Verantwortung“. Lehrer würden aber immer mehr Administration, immer mehr Druck aufgeladen bekommen. „Und dann ging Corona los - und plötzlich erwartet man von denen, die müssen tausend Sachen handeln.“ 

Ihn wundere, dass man die Lehrer nicht stärke, mit Schulungen, mit Unterstützung bei den Tools. „Die sind allein gelassen worden. Mit einer Sache, für die sie nicht ausgebildet wurden“, konstatiert Mahlodji. Dabei hätten gerade die Lehrer „so viel zu tun“ um Kinder auf eine digitale Welt vorzubereiten. „Wir müssen lernen, smart zu investieren, und zwar dort, wo wir eine starke Hebelwirkung erzielen. Und das ist meiner Meinung nach bei den Lehrern und Lehrerinnen.“

Es ist ein Ansatz, der etwas für sich hat: Nicht bei Jugendlichen, die ohnehin nicht so gern bemuttert werden, direkt anzusetzen, sondern vor allem jene zu stärken, die ihnen das Rüstzeug fürs weitere Leben mitgeben sollen. Weiterlesen: KURIER »