„Ich sehe das nicht als Verzögerungstaktik“

Der Direktor des Weltmuseum Wien, Jonathan Fine, über Österreichs Verhältnis zum Kolonialismus.

21.01.2022 14:10:00

Wie will das Wiener Weltmuseum mit Objekten mit problematischer Herkunft aus der Kolonialzeit umgehen? Matthias dusini hat für den FALTERmorgen mit Museumsdirektor Jonathan Fine gesprochen

Der Direktor des Weltmuseum Wien, Jonathan Fine, über Österreichs Verhältnis zum Kolonialismus.

Fine:In dem von Andrea Mayer eingesetzten Gremium geht es nicht um Empfehlungen für einzelne Objekte. Es soll vielmehr einen Rahmen für den Umgang mit solchen Fragen schaffen. Österreich war kein klassisches Kolonialland. Trotzdem sind viele Objekte aus kolonialen Netzwerken und über koloniale Handelswege in österreichische Sammlungen gelangt. Das Gremium soll die Frage beantworten, wie Institutionen und Politiker auf Restitutionsforderungen reagieren sollen und nach welchen Kriterien solche Entscheidungen getroffen werden sollen.

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gelesen und akzeptiere die Zusendung von Newslettern. Fine: In dem von Andrea Mayer eingesetzten Gremium geht es nicht um Empfehlungen für einzelne Objekte. Es soll vielmehr einen Rahmen für den Umgang mit solchen Fragen schaffen. Österreich war kein klassisches Kolonialland. Trotzdem sind viele Objekte aus kolonialen Netzwerken und über koloniale Handelswege in österreichische Sammlungen gelangt. Das Gremium soll die Frage beantworten, wie Institutionen und Politiker auf Restitutionsforderungen reagieren sollen und nach welchen Kriterien solche Entscheidungen getroffen werden sollen. In Deutschland gibt es konkrete Rückgabepläne, in Österreich wird wieder nur geredet. Warum? Fine: Ich sehe das nicht als Verzögerungstaktik. Man muss in einer Republik erklären können, warum man bestimmte politische Entscheidungen, in diesem Fall die Rückgabe von Museumsobjekten, trifft. Österreich hinkt nicht hinterher, sondern hat die Diskussion sogar ausgelöst. Das Weltmuseum Wien veranstaltete 2007 eine große Benin-Ausstellung, zu der auch Vertreter der königlichen Familie, aus deren Besitz die Objekte kommen, eingeladen waren. Auch beim Penacho, der berühmten aztekischen Federkrone, haben wir uns die Frage gestellt, wie wir mit umstrittenen Objekten umgehen sollen. Österreich hat in Bezug auf die Raubkunst der NS-Zeit eine grundsätzliche Lösung gesucht. Hier gibt es ein Kunstrückgabegesetz, an das sich alle öffentlichen Institutionen halten müssen. In Deutschland wird immer noch von Einzelfall zu Einzelfall entschieden. Eine ähnlich systematische Vorgehensweise würde ich mir in Bezug auf die Kolonialzeit wünschen. Die Niederlande haben bereits einen Leitfaden entwickelt. Warum übernimmt man nicht einfach diese Empfehlungen? Fine: Die Lage ist einfach eine andere. Im Gegensatz zu den Niederlanden war Österreich bis auf einige militärische Auseinandersetzungen in China nicht auf staatlicher Ebene offiziell in koloniale Kriege involviert. Gleichzeitig werden wir natürlich bereits Erarbeitetes mitdenken und diskutieren. Für mich ist es wichtig, dass in diesem Gremium auch Stimmen der Zivilgesellschaft vorkommen. Die gemeinsame Diskussion dieser Fragen ist unumgänglich. Museen verhandeln hier gesellschaftlich größere Themen, die wir dementsprechend nicht alleine als europäische Institutionen behandeln können. Daher die Beteiligung sogenannter communities of origin . In dem Gremium werden durch sie die Perspektiven erweitert. Das soll von Anfang an mitgedacht werden. Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann